Zwischen Tweed und Tech

Henning Berthold ist Transfermanager beim Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes. Wir stellen ihn und seinen Themenschwerpunkt Gründung und Wachstum vor.

Nach fast 9 Jahren Schottland – grüne, bergige Landschaften und gute Luft – bist du jetzt in der Metropole Berlin angekommen. Ist das für dich ein Kulturschock?

Ein Stück weit schon. Vielleicht nicht so wie man vermuten würde. Mir ist Deutschland in mancher Hinsicht über die Jahre fremd geworden. Da merkt man schnell wie unterschwellig vieles dessen ist, was eine Gesellschaft ausmacht, wie sie funktioniert. Davon abgesehen ist Berlin natürlich etwas anderes als St Andrews, wo ich gelebt und gearbeitet habe. St Andrews ist sehr übersichtlich und geprägt von der Universität und dem Golfsport.

Da hat Berlin etwas mehr zu bieten. Die Stadt ruht nicht, wirkt wie ein großer Experimentierraum, hat so etwas Unfertiges. Die vielen Baustellen stehen da sinnbildlich. St Andrews zeichnet sich vor allem durch seine lange Geschichte aus, Berlin durch seine jüngere.

Was vermisst du hier am meisten?

Das angenehme Klima – um mal eine Lanze für das schottische Wetter zu brechen – und die abfedernde Sprache. Da kommt die Kritik gut verpackt und gewöhnlich erst im zweiten Satz.

Du hast dich an der Universität St Andrews wissenschaftlich mit der Kultur- und Kreativwirtschaft auseinandergesetzt. Wie unterscheidet sich die Branche in Deutschland von der in Schottland oder Großbritannien? Was sind die Kernbereiche dort und hier?

Großbritannien hat sehr früh die Branche als Wirtschaftsfaktor identifiziert und politisch gefördert. Aber auch dort musste Ende der neunziger Jahre/Anfang der 2000er Jahre, angestoßen von New Labour, erst einmal für den Bereich sensibilisiert und Akzeptanz geschaffen werden. Das erste Mapping Dokument wurde bereits 1998 veröffentlich und hat maßgeblich die Debatte im Land und andernorts beeinflusst. Mittlerweile findet das Thema breite politische Unterstützung und gerade das Kreativunternehmertum rückt zunehmend in den Fokus. Ich glaube, an der Stelle sind die Briten ein, zwei Schritte weiter als wir.

Auch was ein dynamisches Verständnis der Branche anbetrifft sind sie weiter. Die Frage nach den Kernbereichen stellt sich da neu, nämlich im Hinblick auf den Aspekt der sogenannten „creative intensity“, also die Frage, in welchen Wirtschaftsbereichen kreative Aktivität besonders ausgeprägt ist. Man hatte vor dem Hintergrund einer Definition der „Creative Industries“, die grundsätzlich auf die Produktion von geistigem Eigentum ausgerichtet ist, von Beginn an ein Problem zu erklären, warum die Grenze der Kreativwirtschaft beispielsweise an der Designbranche und nicht den Universitäten verläuft.

Mittlerweile geht man dazu über, stärker im Sinne einer „creative economy“ zu denken. Eingeschlossen sind da nicht allein die Teilmärkte der Kultur- und Kreativwirtschaft, wie wir sie teilweise aus Deutschland kennen, sondern sämtliche Wirtschaftsbereiche, die sich durch besondere kreative Aktivität auszeichnen. In dieser Gruppe finden sich also auch die „Creative Industries“, aber eben nicht nur. Besonders stark im Sinne der Bruttowertschöpfung sind die Bereiche IT, Software und Computer Services, d. h.  „Creative Tech“, sowie Werbung und die Bereiche Film, TV, Video, Radio und Fotografie. Traditionell hat Großbritannien außerdem einen starken Design- und Architektursektor.

Beim Workshop "Zukunft ist grenzenlos".

Hat Schottland in einem Branchenbereich eine Vorreiterrolle?

Zahlenmäßig sticht die Digital-Industrie hervor. CodeBase, mit Sitz in Edinburgh, ist Großbritanniens größter Start-up-Inkubator in dem Segment und beherbergt 80 der erfolgreichsten Technologieunternehmen des Landes. Aufgrund seiner Historie hat aber auch und gerade die Textilbranche eine besondere Relevanz und feiert mit dem vielerorts gesteigerten Qualitätsbewusstsein der Kunden eine Renaissance. Die Tweed-Branche beispielweise hat eine interessante Entwicklung zurückgelegt und nach einer langen Phase des wirtschaftlichen Abschwungs 2009 die Trendwende geschafft, sich neu aufgestellt, neu ausgebildet und neue Märkte erschlossen.

Gibt es ein Kreativprodukt aus Schottland, das man unbedingt kennen sollte?

Es gibt einige: Die Architektur von Charles Rennie Mackintosh, Harris Tweed, die Flugsuchmaschine Skyscanner, Videospiele wie Lemmings und Grand Theft Auto und ganz allgemein die lange Liste erstklassiger schottischer Bands mit Glasgow als Zentrum der Musik. Zudem hat die UNESCO mit dem Titel „City of Design“ die Stadt Dundee für ihre besonderen Leistungen und Verdienste im Bereich Design ausgezeichnet.

In Schottland warst du auch Mitarbeiter der Initiative „Design in Action“. Wie kann Design Innovation und Wachstum fördern?

Eine einfache Antwort gibt es da leider nicht und die Suche nach Formeln führt oft ins Leere.  An Design und die Designbranche sind viele Hoffnungen geknüpft, die bisweilen maßlos sind. Die Prozesse sind schon vielfach untersucht und beschrieben worden und für jedermann im Netz auffindbar. Entscheidend sind die Unterschiede, die Designer in Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern und der Führung eines Unternehmens bzw. einer Organisation machen. Design kann über den Gestaltungs- bzw. Innovationsprozess eine Ebene schaffen, die es erlaubt Organisationsstrukturen zu durchkreuzen, Teilhabe zu organisieren, Verständigung zu erleichtern und mittels spezieller Methoden und Techniken über Branchen- und Systemgrenzen hinweg die Suche nach dem Neuen, dem Unbekannten zu ermöglichen.

Auch das Argument der besonderen Kunden- bzw. Bedürfnisorientierung wird da immer wieder eingebracht. Die Frage, wie zielführend das ist, polarisiert allerdings. Es gibt eine Reihe von prominenten Beispielen, wo die Frage nach „dem nächsten großen Ding“ nicht den Kunden überlassen wurde, sondern von dem jeweiligen Unternehmen im Austausch mit seinem erweiterten Netzwerk definiert wurde. Apple ist hier ein typisches Beispiel.

Beim Workshop "Zukunft ist grenzenlos".

Im Kompetenzzentrum bist du Transfermanager für Gründung und Wachstum. Gründen die Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft anders?

Auch da gibt es keine allgemeingültige Aussage. Allerdings kann man sagen, dass in der Tendenz Gründer und Gründerteams der Kreativbranche stärker von der Idee selbst geleitet und getragen sind als von der Aussicht auf Profit. Auch unterscheidet sich die Branche in der Größe der gegründeten Unternehmen. Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist vielschichtiger und beinhaltet mehr Klein- und Kleinstunternehmen als andere Start-up-Segmente.

Außerdem sind die Geschäftsmodelle weniger eindeutig und stark geprägt vom symbolischen, erfahrungsbetonten Charakter der Produkte. Das heißt die Produkte werden stärker in ihrer ästhetischen Dimension gedacht und erfasst und nicht so sehr im Hinblick auf ihren Nutzen. Wobei abzuwarten sein wird, ob und wenn ja, wie sich diese Einordnung im Zuge einer zunehmenden Vernetzung der Kultur- und Kreativwirtschaft mit anderen Branchen verändert.

Die Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft sind vor allem Klein- und Kleinstunternehmen. Wie können diese beim Wachstum unterstützt werden?

Das ist genau eine der Fragen, mit der wir uns im Rahmen des Transferbereichs Gründung und Wachstum beschäftigen. Dabei geht es nicht um den Ruf nach neuen Förderprogrammen. Entscheidend ist die Frage, wie es gelingen kann, das unternehmerische Selbstverständnis der Akteure zu entwickeln. Ein Selbstverständnis, das nicht als Widerspruch zum künstlerisch-kreativen Dasein, sondern als Weg zur kreativen Freiheit verstanden wird. Zentral ist auch die Frage, wie das Wachstum aussehen kann und soll, sowohl für einzelne Unternehmen als auch die Branche insgesamt.

Welche Veranstaltungen hast du in deinem Themenfeld geplant?

Geplant sind zunächst zwei Workshops. Im Mittelpunkt stehen die Themen Wachstum und Bildung. Ersteres habe ich gerade grob skizziert, Letzteres ist eng daran gekoppelt und soll sich der Frage widmen, welche Rolle die Hochschulen bei der Ausbildung des unternehmerischen Nachwuchses spielen.

Du spielst selbst Gitarre und warst auch mal Teil einer Band. Hast du jemals darüber nachgedacht, Musiker zu werden?

Soweit man als Jugendlicher über solche Fragen eben nachdenkt. Die Musik zum Beruf zu machen, war nie eine echte Option. Meine Talente sind da begrenzt, und im Vordergrund stand die Freude am Musizieren.

Das Transferteam

Die Transfermanager unterstützen die Unternehmer der Kultur- und Kreativwirtschaft durch spezifische Maßnahmen, Vernetzungsangebote und neue Impulse: Sie machen ihre Potenziale sichtbarer und sensibilisieren neue Partner für innovative Lösungen und Kooperationen mit der Branche. Über ganz Deutschland verteilt bieten die Transfermanager in diesem Jahr spannende Foren, Workshops und Kooperationsveranstaltungen an, bei denen sie ihre Expertise einbringen.

Kontakt
berthold@kreativ-bund.de
T 030 – 2088891-20

Credits

Text: Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes

Fotos: Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes, William Veder

Anstehende Veranstaltungen

  1. Arbeiten 2030

    26. Oktober @ 17:00 - 21:30
  2. KLUB REISE #3 BESUCH BEI ALTEN FREUNDEN

    26. Oktober @ 18:30 - 21:00
  3. Hidden Values – Mehr wert als Geld?

    27. Oktober @ 14:00 - 22:00
  4. Zu Gast bei der PLAY17 in Hamburg

    1. November - 5. November
  5. ARBEITSSPEICHER – Innovation Camp Arbeit und Qualifizierung in Bremen

    3. November - 4. November

Credits

Text: Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes

Fotos: Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes, William Veder

„Game Thinking“ macht ernst

Filmer, Kulturvermittler, Spieleentwickler und Werbefachleute signalisierten nach dem Treffen in Hannover Klärungsbedarf bei der Definition von „Game Thinking“ in Deutschland. Es würden außerdem eine branchenübergreifende Vernetzung, Best-Practice-Beispiele und Botschafter gebraucht. Eine Plattform könnte alles bündeln.

Mind The Gap - Forum Schleswig Holstein

Wie kann der Transfer zwischen Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft gestaltet und vor allem verstetigt werden? An welchen Kriterien kann der Erfolg dieses Transfers gemessen werden? Wie können auch die mittelständischen Betriebe vom Transfer profitieren? Vor allem auf diese Fragen suchten die Teilnehmer des Länderforums „MIND THE GAP“ in Kiel nach den passenden Antworten.