Mit Essen spielt man (nicht)

Köche werden zu Künstlern. Künstler zu Köchen. Kreative entwickeln neue Produkte und innovative Konzepte im Handwerk, der Gastronomie, der Landwirtschaft, im Handel und der Verarbeitung. Doch wenn es um die Zukunft unserer Ernährung geht, müssen sich Akteure noch besser vernetzen und zusammenarbeiten. Dafür haben wir Anfang Mai den Grundstein gelegt – im Workshop „Zukunft der Ernährung – neue Kooperationen für eine neue Esskultur!“.

Wusstet ihr, dass mehr Menschen lieber zum Food-Festival als zum Musik-Festival gehen? Bei Instagram schlägt Essen locker das Auto. Man geht wieder kochen. Gut so. Denn Essen muss mehr Wertschätzung erfahren. Muss wieder mehr mit Genuss zu tun haben. Und: Muss dabei auch für alle reichen.

34 ist die entscheidende Zahl dazu, die Prof. Dr. Guido Ritter vom food lab muenster beim Workshop immer wieder in den Ring wirft. 34 Ernten sind es noch bis 2050. Dann, so die Prognosen der Vereinten Nationen, werden rund zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben. Wie werden wir dann alle satt? Eine Frage, die den Ernährungswissenschaftler umtreibt und auch die anderen Workshop-Teilnehmer nicht loslässt – von den Akteuren der Kultur- und Kreativwirtschaft über Vertreter des Großcaterers Aramark und der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft bis hin zu Mitarbeitern der Bauhaus-Universität Weimar, der Berlin Food Week und des Vegetarierbunds Deutschland.

Genießt du schon oder isst du nur?

„Wir müssen wieder anders auf Lebensmittel drauf blicken“, formuliert Prof. Ritter. Keine Frage, wenn nur noch sieben Sorten Äpfel 70 Prozent des gesamten Marktes ausmachen, Tomaten sich einem Model-Casting unterziehen müssen und die so genannte Frischmilch eigentlich nicht frisch ist.

Mit seinem Kompetenzteam an der Fachhochschule Münster widmet sich Guido Ritter Fragen rund um nachhaltige Lebensmittel. Und sucht dafür Partner. Auch in der Kultur- und Kreativwirtschaft. Er erhofft sich neue Zugänge, neue Perspektiven zum Thema Ernährung – durch Design oder künstlerische Ansätze.

Dabei hat das food lab erst einmal bei sich selbst angefangen und sich vom Künstler Olafur Eliasson in Berlin inspirieren lassen, bei dem alle Mitarbeiter gemeinsam an einer langen Tafel essen. Und nun gibt es auch in Münster einmal pro Woche einen Mittagstisch für Professoren, Mitarbeiter und Studierende.

„Ist Food also schon längst Teil der Kultur- und Kreativwirtschaft?“, fragt Johannes Tomm, Transfermanager Innovation & Impuls beim Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes. Schnittstellen finden sich jedenfalls bereits einige, wenn man sich die Liste der Kultur- und Kreativpiloten ansieht, die sich in der Ernährungsbranche tummeln: Da gibt es eine Crossmedia-Agentur mit angegliederter Eismanufaktur aus Mecklenburg-Vorpommern, Querdenker, die jahrelang in Profiküchen ein neues Schneidebrett entwickeln, Menschen, die die Vermarktung des Apfelweins revolutionieren…

Und ein Kompetenzzentrums-Fellow, der sich als Kommunikationsdesigner nichts weniger vorgenommen hat, als dem Fleisch und dem Handwerk seine Würde zurückzugeben. Hendrik Haase, Wurstelier und Food-Aktivist, erzählt beim Workshop von der Ahlen Wurscht aus der nordhessischen Heimat seiner Oma, von Schnippeldiskos, Pop-up-Restaurants und natürlich über die gläserne Produktion in seiner Metzgerei Kumpel & Keule in der Berliner Markthalle Neun. „Es entstehen überall neue Geschäftsmodelle, Projekte und Formate, aber die Welten der neuen Food-Szene, der Kreativwirtschaft, des Handwerks und der Gastronomie kennen sich oft nicht“, sagt Hendrik Haase.

Diese zusammenzubringen, gelingt an diesem Tag mit jeder Diskussion in den Barcamps und mit jedem Austausch in den Pausen immer mehr. Auf die Themen haben sich die Workshop-Teilnehmer schnell geeinigt: „Essen als Kulturgut stärken“, „Begegnungsformate für Kreative und Konzerne als neue Schnittstellen“, „Zukunft der Ernährung: Von der Szene in die Masse“ und „Ausbildung und Nachwuchsförderung“ stehen im Fokus.

Mehr Wertschätzung

Einig sind sich alle, dass die Wertschätzung für Essen viel zu gering ist. Das zeige sich bei der Schulversorgung und in den meisten Kantinen. „Da hört der Preis bei 4,50 Euro auf“, erzählt Stefan Strasieswsky vom Caterer Aramark. Viel und günstig ist hier das Motto. Das liege unter anderem auch an der Bundeskantinenrichtlinie, die sich seit 20 Jahren nicht geändert habe. Dennoch: In der Berliner Markthalle Neun oder bei den Streetfood-Festivals sind die Menschen bereit, auch mehr Geld für einen Imbiss auszugeben.

Ist also alles vielleicht nur eine Frage der Kommunikation und der Inszenierung? Zumindest könnte es ein Teil der Lösung sein. Dazu zeigt Hendrik Haase noch einmal das Plakat für die Schnippeldisko. „Da sollen alle hinkommen, deswegen packe ich nicht noch irgendwelche Badges drauf“, so der Food-Aktivist.  Wichtig sei auch für die Produzenten, das Erklären zu lernen: Wie entsteht der höhere Preis? Was ist das Besondere an einer kleinen Manufaktur? Den Landwirten schlägt Haase vor: „Mach mal ein Foto von deiner Ernte und poste es auf Facebook, dann kommen mehr Leute in deinen Hofladen.“

Vor allem in der Kommunikation sieht auch Stefan Zwoll von der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft die Chancen einer Zusammenarbeit mit den Akteuren der Kultur- und Kreativwirtschaft. Die emotionale Ebene könne neu gedacht werden, traditionelle Formate neue Impulse erhalten, um ein größeres Publikum zu erreichen.

What’s next?

Nicht alle Themen können an diesem Workshop-Tag zu Ende diskutiert werden. Doch ganz klar ist für alle, dass es hier nicht nur um den Genuss für den Einzelnen oder eine bestimmte Szene gehen kann, sondern auch um gesellschaftliche Verantwortung. Die 34 Ernten bleiben im Kopf. Gesundes Essen muss für alle reichen und für alle bezahlbar sein.

Am Ende steht fest, dass der Workshop der Auftakt für weiteren Austausch und Kooperationen zwischen der Kultur- und Kreativwirtschaft und der Lebensmittelwirtschaft sein soll. Um gemeinsam Antworten auf die Fragen zu finden: Wie können wir die Lebensmittelproduktion zukunftsfähig machen? Wie können wir dabei das Potenzial verschiedener Branchen nutzen?  „Das Erlebnis ist wichtig, um mit anderen in Verbindung zu treten und die Potenziale einer Zusammenarbeit zu stärken“, ist sich Transfermanager Johannes Tomm sicher. Warum also nicht Games und Food zusammenbringen? Denn: Mit Essen spielt man (nicht)!

Credits

Text: Bianca Loschinsky, Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes

Fotos: Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes

Anstehende Veranstaltungen

  1. Arbeiten 2030

    26. Oktober @ 17:00 - 21:30
  2. KLUB REISE #3 BESUCH BEI ALTEN FREUNDEN

    26. Oktober @ 18:30 - 21:00
  3. Hidden Values – Mehr wert als Geld?

    27. Oktober @ 14:00 - 22:00
  4. Zu Gast bei der PLAY17 in Hamburg

    1. November - 5. November
  5. ARBEITSSPEICHER – Innovation Camp Arbeit und Qualifizierung in Bremen

    3. November - 4. November

Credits

Text: Bianca Loschinsky, Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes

Fotos: Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes

Mind The Gap - Forum Schleswig Holstein

Wie kann der Transfer zwischen Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft gestaltet und vor allem verstetigt werden? An welchen Kriterien kann der Erfolg dieses Transfers gemessen werden? Wie können auch die mittelständischen Betriebe vom Transfer profitieren? Vor allem auf diese Fragen suchten die Teilnehmer des Länderforums „MIND THE GAP“ in Kiel nach den passenden Antworten.

Kulturförderung? Machen wir nicht!

„Es geht uns nicht um Förderung, es geht uns um Investitionen“, sagen Sylvia Hustedt und Christoph Backes, die Projektleiter des Kompetenzzentrums Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes. Das Kompetenzzentrum stellt den klassischen Fördergedanken auf den Kopf und arbeitet daran, Plattformen zu etablieren, die es erfolgreichen, außergewöhnlichen und ideenreichen Kultur- und Kreativunternehmern ermöglichen, ihr Potenzial in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft einzubringen und dadurch die Zukunft mit zu gestalten.