Erzähl‘ mir von Europa!

Die europäische Idee ist in der Krise. Sind wir so unterschiedlich in unseren Bedürfnissen und Zielen? Ist die europäische Vision Utopie oder hat Europa schlicht ein Marketingproblem? Der Workshop "Zukunft ist Europa" befasste sich mit der Frage, wie Kultur- und Kreativwirtschaft als Partner und Gestalter der europäischen Idee wirken kann.

Der Krawattenknoten ist eine Katastrophe, aber immerhin sitzt der Anzug schon perfekt. Ein junger Mann, der sich den Phantasienamen Sigmar von Draghi gegeben hat (offenbar eine Melange aus den Namen des Bundesaußenministers und des Präsidenten der Europäischen Zentralbank) posiert vor der Kulisse von Reichstag und Bundeskanzleramt als Lobbyist – und er hat sich so verkleidet, wie man sich die stillen Einflüsterer der Konzerne und Verbände gemeinhin vorstellt: in feinem, nicht zu auffälligem grauen Edelzwirn. „Draghi“ singt geradezu ein Loblied auf den Lobbyismus, überzeichnet und mit beißender Ironie gewürzt. „Wir finanzieren die Parteien mit ein paar Spenden und helfen so bei der Erhaltung unserer Parteikultur in der EU“, spricht er im Brustton der Überzeugung in die Kamera. „Außerdem bieten wir den Politikern eine glänzende Zukunft in unseren Konzernen. So werden Kompetenzen sinnvoll ausgeschöpft.“ Wem fallen da nicht gleich ein paar Namen ein?

Entstanden sind die Szenen bei den Arbeiten zum Jugendfilm-Projekt „Europa und du!?“, in dem junge Leute aus Bremen und Bremerhaven ihre Sicht auf Europa und europäische Politik präsentieren. Lobbyismus – das ist ein Thema, bei dem Jugendliche normalerweise gelangweilt abwinken. Lars Kaempf, Geschäftsführer der Medienagentur und Ideenschmiede vomhörensehen aus Bremen, die sämtliche Filme des Projekts produziert hat, wollte auch ein vermeintlich sperriges Thema durch unkonventionelle Erzählformen vermitteln – eben auf unterhaltsame, ironische, verstörende Weise. „Die Menschen sind derzeit weit weg von einer europäischen Idee“, erklärt der Medienunternehmer. „Die meisten denken, dass Europa mit ihrem konkreten Leben nichts zu tun hat.“ Mit dem Filmprojekt wollte der Kreativwirtschaftler „insbesondere junge Menschen wieder mit Europa in Kontakt bringen und ihnen das Gefühl vermitteln, dass sie teilhaben, mitbestimmen und mitgestalten können – weit über das Kreuz auf dem Wahlzettel zur Europawahl alle fünf Jahre hinaus“.

 

Populistischen Parolen ein positives Narrativ von Europa entgegensetzen

Das erscheint nötiger denn je. Die vergangenen Jahre sahen in vielen Mitgliedsstaaten die Europa-Gegner auf dem Vormarsch. Nationalistische und populistische Parteien und Strömungen haben mit aggressiven Kampagnen die Europäische Idee ernsthaft in Misskredit gebracht und in der Bevölkerung erfolgreich ein Bedürfnis nach Abschottung geschürt. Die Rückbesinnung auf vermeintliche nationale Stärken und identitätsstiftende Narrative hat sich in jüngerer Zeit in etlichen EU-Staaten auch in entsprechenden Wahlergebnissen niedergeschlagen. Und dann der Schock: Am 23. Juni 2016 votierte die britische Bevölkerung mit knapper Mehrheit für einen Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union, den „Brexit“. Hat Europa noch eine Zukunft?

Und hier ist die Antwort: „Zukunft ist Europa!“, ruft die Kultur- und Kreativwirtschaft den Skeptikern und Zweiflern, Zögerern und Zauderern entgegen. Unter diesem Motto trafen im November 2017 in Berlin Akteure der Kultur- und Kreativbranche sowie Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Institutionen und Stiftungen zu einem vom Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes veranstalteten Workshop zusammen, der die Rolle der Kreativwirtschaft „als Gestalter und Partner für die Europäische Idee“ definieren und stärken sollte. Ein naheliegender Gedanke, denn schließlich steht die Kultur- und Kreativwirtschaft fest an der Seite der entschiedenen Verfechter der Europäischen Idee. Es sei daran erinnert, dass kaum eine Branche beim Brexit-Votum in Großbritannien derart geschlossen mit „Stay“ gestimmt hat wie die Creative Industries. Freier Austausch und Internationalität sind für die Mehrheit der Akteure fester Bestandteil der Unternehmens-DNA.

„Positive, identitätsstiftende Erzählweisen von und über Europa – das sind Fähigkeiten der Kultur- und Kreativunternehmen mit ihren Projekten und Geschäftsmodellen.“

- Julia Köhn, Transfermanagerin für Internationales & Export

Gemeinsam wollten die Teilnehmer Europa zurück auf die Agenda bringen und dem negativ geprägten Europabild der Nationalisten und Populisten ein positives Narrativ von Europa entgegensetzen. Den Unternehmern und Akteuren der Kultur- und Kreativwirtschaft war hierbei die „leading role“ zugedacht. „Es besteht ein riesiger Bedarf an neuen Erzählformen, am Aufbau neuer, identitätsstiftender Narrative, die sich mit Europa verbinden lassen“, so Julia Köhn, Transfermanagerin Internationales & Export beim Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft, „das sind Fähigkeiten der Kultur- und Kreativunternehmen mit ihren Projekten und Geschäftsmodellen.“ Der Ideenaustausch und die Vernetzung mit den anderen Playern sollte der Diskussion über die Rolle der Kultur- und Kreativwirtschaft bei der Revitalisierung der Europäischen Idee einen kräftigen Schub versetzen und nicht zuletzt in die Entwicklung neuer, unkonventioneller Formatansätze münden.

Am Anfang stand allerdings erst einmal die Problemanalyse. Gerade beim Thema Europa bestehe derzeit ein eklatanter Mangel an Angeboten für die breite Mehrheit der Bevölkerung. „Wie können wir es schaffen, dass Europa in positivem Kontext erscheint, und zwar nicht nur auf Arte oder in der Süddeutschen Zeitung, sondern auch in der Bild-Zeitung und für das Publikum von Mario Barth?“ – solche Fragen waren an den Tischen der Arbeitsgruppen immer wieder zu hören. Die entscheidende Herausforderung für die Kultur- und Kreativwirtschaft bestehe darin, die Europa-Story „niedrigschwellig“ zu erzählen, über „anschlussfähige Figuren“.

 

Erlebbarkeit als Leitmotto

Auch mit Selbstkritik sparten die Teilnehmer nicht. Die bisherigen Angebote, so hieß es beispielsweise, hätten sich vorrangig an eine relativ eng definierte Zielgruppe gewendet: „50 Jahre plus, akdamischer Abschluss und ein Netto-Jahresgehalt von mindestens 50000 Euro.“ Die Kultur- und Kreativunternehmen trügen nicht unwesentlich zu dieser Verengung der Zielgruppe auf eine kleine Bildungselite bei: „Wir machen es uns in unserem Elfenbeintürmchen wirklich einfach. Sei es Happening, Film, Installation, Intervention oder Kunstprojekt – die große Mehrheit erreichen wir damit nicht.“

Bei der Arbeit an den Projektskizzen entwickelte sich das Ziel der Erlebbarkeit zu einer Art Leitmotto. Die Diskussion in den Teams konzentrierte sich auf Ansätze, mit denen sich die Europäische Idee und die Vorzüge eines geeinten Europa möglichst kleinteilig, an Beispielen aus dem realen Leben nachvollziehbar und fühlbar erzählen lassen – um so auch jene Menschen wieder für die Europäische Idee zu entfachen, die derzeit noch dem negativ gefärbten europafeindlichen Narrativ der Nationalisten und Populisten anhängen. „Europa muss wieder Spaß machen“, hieß es mehrfach. Wenn es dann noch gelingt, durch gezielten Einsatz von Tools und Methoden die bislang stark auf die eigenen Sozialisiationserfahrungen fokussierte Sicht auf Europa aufzubrechen, könne sogar so etwas wie Solidarität neu entstehen. „Put yourself in the other man’s shoes“ – so ließe sich dieser Auftrag an den Workshop übersetzen. Gerade bei der Entwicklung solcher Formate können die Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft ihre ausgewiesene Kompetenz beim Erzeugen von Emotionen durch entsprechendes Storytelling in die Waagschale werfen.

Was dann auch geschah. Das Zusammentreffen von Akteuren, die ihr kreatives, institutionelles und unternehmerisches Know-how Potenzial bis dato noch nicht gemeinsam nutzbar gemacht hatten, führte durch die Arbeit im Workshop-Katalysator bereits innerhalb weniger Stunden zu realisierbaren Projektideen. „Es ist uns gelungen, die richtigen Leute miteinander in Verbindung zu bringen“, zieht Julia Köhn Bilanz. „Vieles von dem, was bereits theoretisch angedacht war, kann nun schneller auf die Straße kommen.“

Am Ende eines intensiven Arbeitstages standen neun Europa-Projektideen. Zum Beispiel ein European Impact Challenge – ein Förderwettbewerb mit Voting per Event oder Plattform, der sich an Kreativ-Unternehmen richtet, die mit ihren Projekten einen gesellschaftlichen Beitrag zur Zukunft Europas leisten wollen. Auf direkte Erlebbarkeit wiederum zielt das Format „Europa wegnehmen“, das auf der Idee basiert, den Menschen die mit der europäischen Idee verbundenen Privilegien für einen Tag einfach wegzunehmen. „An der Kasse will ich wie gewohnt mit Euro bezahlen, aber plötzlich geht das nicht mehr.“ Oder: „Alle Produkte aus anderen EU-Ländern sind aus den Regalen entfernt worden.“

„Europa war lange Zeit sehr unauffällig“, hatte Katharina Siemann vom Künstlerinnenkollektiv hannsjana zu Beginn des Workshops die weit verbreitete Wahrnehmung beschrieben. „Jetzt ist es zwar wieder näher gerückt, aber auf bedrohliche Weise – nämlich als etwas, das in der Gefahr ist wegzubrechen.“ Die Kultur- und Kreativwirtschaft hat gezeigt, dass sie einer Demontage der Europäischen Idee nicht tatenlos zuschauen wird. Der Anfang ist gemacht.

Anstehende Veranstaltungen

  1. media.think.tank 2018: „film – innovation – economics“

    20. April @ 9:00 - 18:00
  2. #LabEurope: Acting to transform the economy

    3. Mai - 4. Mai
  3. Gin & Genius

    31. Mai @ 18:00 - 22:00
  4. BoschAlumniForum IX

    1. Juni - 3. Juni
  5. Innovationstag Mittelstand des BMWi 2018

    7. Juni @ 10:00 - 16:00

Credits

Text: Andreas Molitor

Fotos: William Veder

Ein Eingriff ins Gesamtsystem

Auf dem neuen Forschungscampus der Robert Bosch GmbH hat das Künstlerduo Wimmelforschung mit dem Projekt Platform 12 einen Freiraum geschaffen, in dem sich Forscher und Künstler austauschen können: nichttechnische Innovation in einem technikorientierten Unternehmen. Ein Auszug aus dem Buch "Wirtschaft trifft Kunst", herausgegeben von Ulrike Lehmann.

Seid mutig und laut

Kultur- und Kreativwirtschaft kennt viele Gesichter, längst wirkt sie auch in anderen Branchen innovationsfördernd. Bei der ersten „Start-up Night der Kreativen“ im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie wurden handfeste Beispiele und Beweise dafür geliefert.