All-Hands-on-Deck
Die Kernfrage vieler Akteure, die sich um die Rahmenbedingungen und die Entfaltung des Potenzials der Kultur- und Kreativwirtschaft Gedanken machen, lautet: War es das schon oder geht da noch mehr und geht es noch besser unter den gegebenen Umständen? Ein Beitrag von Christoph Backes - Projektleitung KreativBund, Geschäftsführung u-institut
7 min. LesezeitExpertise10. März 2026

Hubble Goes High Def to Revisit the Iconic Pillars of Creation
Copyright: NASA Goddard
Die Kernfrage vieler Akteure, die sich um die Rahmenbedingungen und die Entfaltung des Potenzials der Kultur- und Kreativwirtschaft Gedanken machen, lautet: War es das schon oder geht da noch mehr und geht es noch besser unter den gegebenen Umständen? Seit der bundespolitischen Entdeckung der Kultur- und Kreativwirtschaft im Rahmen der Enquetekommission des Deutschen Bundestages »Kultur in Deutschland« ist viel Wasser die Spree hinuntergeflossen: Es wurden viele Gutachten und Kulturwirtschaftsberichte erstellt, Kommissionen errichtet, Strategien geschmiedet, Institutionen und Stellen geschaffen sowie Instrumente getestet und Erfolge evaluiert.
Dieser Beitrag möchte in keinster Weise die bisherigen Bemühungen, Erfolge und notwendigen Experimente aller Akteure schmälern – zumal wir als KreativBund selbst Teil davon sind. Aber in Zeiten von Disruption und Transformation müssen auch wir im Themenfeld der Kultur- und Kreativwirtschaft die bisherigen Aktivitäten neu einordnen und uns vor dem Hintergrund dessen, was in den letzten 20 Jahren für und mit der Kultur- und Kreativwirtschaft erreicht wurde, die Frage stellen: Was kann zukünftig wie erreicht werden?
In den ersten Jahren der Auseinandersetzung mit der Kulturund Kreativwirtschaft stand die Frage nach einer gemeinsamen Definition im Vordergrund. Darauf folgten Phasen der Zuständigkeitsklärung zwischen Bund, Ländern und Kommunen sowie der Abgrenzung von Wirtschaft, Kultur, Stadtentwicklung und Arbeitsmarktpolitik. Parallel wurden neue Strukturen aufgebaut und die Rolle der öffentlichen Hand kontinuierlich diskutiert. Themen waren unter anderem der Ausgleich struktureller Nachteile von Kleinstunternehmen, Leit- und Wachstumsmärkte, Spillover- und Cross-Innovation-Ansätze, Finanzierungs- und Markterschließungslücken sowie zuletzt verstärkt Krisenbewältigung, etwa im Zuge der Coronapandemie.
Diese Pionierphase war stark durch staatliches Engagement geprägt. Seit der Pandemie wird seitens der Akteure zunehmend eine Stagnation staatlichen Handelns wahrgenommen – einschließlich des Handelns des KreativBundes –, während Verbände an Bedeutung gewinnen. Der Fokus vieler Institutionen liegt derzeit auf Cross-Innovationen und der digitalen Transformation als zentrale Herausforderung. Globale Krisen, Inflation und geopolitische Entwicklungen stellen weitere Herausforderungen dar.
Angesichts von Disruption und Transformation müssen unsere Strategien neu ausgerichtet werden. Auch öffentliche Institutionen im weiteren Sinne sind gefordert, systemisch zu denken, zu experimentieren, kontinuierlich zu lernen und aktiv neue Möglichkeiten zu erkunden, um langfristige Veränderungen zu bewältigen und gleichzeitig handlungsfähig zu bleiben. Vor diesem Hintergrund versteht sich der neu ausgerichtete KreativBund als Teil eines unternehmerisch agierenden Kultur- und Kreativwirtschafts-Ökosystems.
Mit der Neuausrichtung seit 2025 ist der KreativBund nicht nur organisatorisch, sondern auch strategisch neu aufgestellt: ein neues Team, ein neu besetzter Beirat und eine geschärfte Programmatik. Der neue Name KreativBund ist Ausdruck einer strategischen Fokussierung und steht für Bündnisse, Kooperationen und das gezielte Zusammenführen unterschiedlicher Akteure. Ziel ist es, die Vielfalt der Branche produktiv zu nutzen und gemeinsam wirksame Lösungen zu entwickeln.
Da einheitliche Ansätze der Heterogenität der Kultur- und Kreativwirtschaft und der zunehmenden Komplexität, denen sich Wirtschaft und Gesellschaft gegenübersehen, nicht gerecht werden, setzt der KreativBund auf Kooperation mit kommunalen, Landes- und Bundesakteuren, über 150 Verbänden sowie Partnern aus Wissenschaft, Verwaltung und Politik. Unter dem Leitmotiv »AllHands-on-Deck« richtet sich der Ansatz an Kreativunternehmen aller Größen ebenso wie an Akteure außerhalb der Branche. In kooperativen Netzwerken und vor Ort werden praxisnahe, branchengetriebene Lösungen entwickelt. Der KreativBund sucht dabei bewusst den direkten Austausch vor Ort: in Städten, Regionen und bestehenden Netzwerken. Zuhören, Verbinden und Perspektiven zusammenführen sind zentrale Arbeitsprinzipien.
Christoph Backes ist Co-Geschäftsführer des u-instituts und Projektleiter des KreativBund – Bundeszentrum Kultur- und Kreativwirtschaft.
Die besondere Stärke der Kultur- und Kreativwirtschaft liegt in der Verbindung von unternehmerischem Denken und kreativen Methoden. Sie fungiert als Impulsgeberin für Innovation und Transformation, indem sie neue Perspektiven eröffnet und bislang ungenutzte Potenziale erschließt – sowohl innerhalb der Branche als auch im Zusammenspiel mit anderen Wirtschaftssektoren.
Ein zentraler Schwerpunkt der Arbeit von KreativBund ist daher nach wie vor die Cross-Innovation, aber unter neuen Voraussetzungen. Kreative Kompetenzen treffen dabei frühzeitig auf unternehmerische Herausforderungen anderer Branchen und generieren praxisnahe Lösungen, die unmittelbar anwendbar sind und zu wirtschaftlichem Wachstum führen. Ergänzend entsteht mit dem Cross Innovation Booster ein Instrument, das ungenutzte Förderpotenziale sichtbar macht und den Zugang zu bestehenden Programmen erleichtern soll. Formate wie das Unternehmens_forum schaffen zudem Dialogräume für Innovation, Transformation und Zusammenarbeit auf Augenhöhe.
Mit dem Ansatz »Creative Impact« rückt der KreativBund Unternehmen in den Fokus, die wirtschaftlich erfolgreich sind und zugleich gesellschaftliche Wirkung entfalten. Analysen und Trends liefern dafür die notwendige Datengrundlage und geben Orientierung. Der KreativBund setzt ein klares Signal für eine neue Gründungs- und Innovationskultur, die technologische und kulturelle Perspektiven zusammenführt. Gerade in Zeiten multipler Krisen sieht sich der KreativBund als Katalysator für eine neue Innovationskultur. Er schafft Räume für Austausch, fördert Zusammenarbeit und bringt neue Chancen ans Licht. Ziel ist es, verborgene Potenziale sichtbar zu machen und Plattformen zu schaffen, auf denen Kultur- und Kreativunternehmer ihre Kompetenzen aktiv einbringen können – jenseits klassischer Förderlogiken.
Für den Zeitraum 2025 bis 2027 verfolgt der KreativBund einen langfristigen Entwicklungsansatz. Ein sichtbarer Meilenstein war der Jahreskongress »Zukunft unternehmen – Creative Tech als Schlüssel für Wandel und Wachstum« im November 2025 in Berlin. Dort wurde deutlich, dass technologischer Fortschritt kulturelle und kreative Kompetenz benötigt, um nachhaltig wirksam zu sein. Mit seinen Netzwerken, Formaten und Analysen will der KreativBund auch künftig Impulse für eine resiliente und zukunftsfähige Wirtschaft setzen.

