„Ein Innovationsmodell mit großer Reichweite“
KreativBund im Gespräch mit Johannes Everke, Geschäftsführer des BDKV Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft
mit Johannes Everke, Geschäftsführer BDKV8 min.Interview23. März 2026

Johannes Everke, Geschäftsführer BDKV
Credit: Christoph Mangler
Der Jurist und Kulturmanager hat seinen Hintergrund in sowohl öffentlicher wie privatwirtschaftlicher Livekultur, Kulturpolitik, Wirtschaftsförderung und Stadtmarketing. Everkes Schwerpunkte im BDKV setzt er nach der Neuaufstellung des Verbands und seiner Dienstleistungen jetzt in der Ausweitung der politischen Interessenvertretung in Berlin und Brüssel sowie in der Unterstützung der Mitgliedsunternehmen bei ihrer nachhaltigen Weiterentwicklung. Er ist Mitglied diverser Branchen- und Fachgremien wie etwa im Deutschen Kulturrat, im Deutschen Musikrat, dem Beirat der Künstlersozialkasse, der Clubstiftung Hamburg oder dem Reeperbahn Festival.
Reichweiten, roter Teppich, Millionenpublikum. Die Branchen der KKW sind Expertinnen und Experten der Sichtbarkeit. Wie geht das, wenn die KKW als Ganzes mit ihren Potenzialen in Erscheinung treten soll und gleichzeitig bei der Vielfältigkeit der Teilmärkte sofort klar ist, dass eine One-Size-Fits-All Lösung nicht funktioniert?
JOHANNES EVERKE: Wenn wir gemeinsam mit unseren Künstlerinnen und Künstlern und den Veranstaltenden in Summe ein Millionenpublikum erreichen, passiert das zersplittert in hunderttausenden ganz unterschiedlichen Veranstaltungen. Bei jeder von ihnen entsteht aus dem künstlerischen Funken ein gesellschaftlicher Impuls, denn was die Menschen bei uns suchen, sind über die Kultur hinaus die Gemeinschaft, Identifikation und eine Nähe der Fans untereinander genauso wie zu den Künstlerinnen und Künstlern.
Seit der antiken Agora sind Kulturveranstaltungen deshalb Orte gelebter Demokratie und Denkräume für die Gesellschaft. Und dieser gesellschaftlichen Bedeutung tun die hunderttausenden Veranstaltungen samt ihren verschiedenen Positionen und Perspektiven gut. Wenn sich die Akteure der Kultur als Kulturwirtschaft nun aber selbst zu Wort melden, wird ihre Vielfalt zum Hemmnis und wir werden nicht als gemeinsame Branche wahrgenommen. Und für die gesamte KKW zwischen Buch, Bühne und Bildschirm gibt es erst recht kein One-Size-Fits-All. Deshalb gilt: um politische Wirksamkeit zu entwickeln, müssen wir uns über alle Teilbranchen hinweg zusammenfinden, Gemeinsamkeiten suchen und an einem Strang ziehen: Damit können wir Vieles bewirken und gesellschaftlichen Impact erzeugen.
Was macht ihr in der Live-Kultur richtig, um sichtbar zu werden? Was können andere Branchen von der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft lernen?
JOHANNES EVERKE: Wir verstehen unseren Verband als einen solidarischen Zusammenschluss der Unternehmen, nicht als eine Art Dienstleister. Ohne die Konkurrenz im Markt auszublenden ist der Verband die Plattform eines sehr offenen und wertschätzenden Austauschs. Das zeigt sich daran, wie die Mitglieder ihre gemeinsamen Ziele formulieren, sich zur Lage austauschen und in die Arbeit des Verbands einbringen. Die Mitglieder kommunizieren direkt mit Vorstand und Geschäftsstelle, ihre Anliegen werden unmittelbar aufgenommen und weitergetragen. Genauso wie wir die Mitglieder des BDKV an unserer politischen Arbeit oder der Fortentwicklung ihrer Themen sehr transparent teilhaben lassen. Das beides gibt uns die Rückendeckung, unsere Branche mit ihren Anliegen im politischen Umfeld authentisch zu vertreten.
Daneben haben wir den Anspruch an uns, als Verband auch Impulsgeber für die Weiterentwicklung unserer Branche zu sein: Dafür beschäftigen wir uns mit wirtschaftlichen Zukunftsthemen, gesellschaftlichen Wertethemen und der Lage benachbarter Branchen genauso, wie wir unsere Mitglieder in solchen Feldern dann beraten, weiterbilden und ihnen geldwerte Services anbieten.
Und über allem steht dabei auch hier, dass wir gemeinsam stärker sind. Für alle politischen Forderungen suchen wir passende Allianzen mit anderen, für alle wirtschaftlichen Herausforderungen suchen wir starke Partner und in allen komplexen Sachfragen ziehen wir Nutzen aus Multiperspektivität. “No man is an island” singt Dennis Brown.

Du bist Teil der Koalition für die Kultur- und Kreativwirtschaft, k3d. Euer Ziel ist es, als Sprachrohr der gesamten Kultur- und Kreativwirtschaft zu fungieren. Welche Potenziale der KKW müssen jetzt im Fokus stehen und warum?
JOHANNES EVERKE: Die Vielgestalt der KKW mag ein Problem bei der Wahrnehmbarkeit sein, aber wenn es auf unsere Problemlösungskompetenz ankommt, ist sie unsere Stärke. Denn während man ein kompliziertes Problem mit Fachexpertise lösen kann, kann man ein komplexes Problem nur mit Multiperspektivität lösen. Unsere Innovationskraft ist in dieser VUCA-Welt, die von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität geprägt ist, ein wichtiger Beitrag zur Zukunftsfähigkeit. Unsere Art der Zusammenarbeit und cross-sektoralen Kooperation kann gerade in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung und internationaler Verschiebungen neue Lösungsansätze bieten. Wir können und müssen uns also gewinnbringend in die gesellschaftlichen Transformationsprozesse und wirtschaftlich-politischen Herausforderungen unserer Zeit einbringen.
Was sind deine größten Learnings der letzten Jahre?
JOHANNES EVERKE: Die KKW ist gleichzeitig Kultur und Wirtschaft. Wir sind Brückenbauerin, schaffen gesellschaftliche Räume und bieten als mittelständisch geprägte Wirtschaftsrealität ein Innovationsmodell mit großer Reichweite. Die KKW kann so gesehen eine „Schlüsselbranche“ für beispielhafte, neue Handlungsräume sein. Das wurde vor allem in der Krisenhaftigkeit der letzten Jahre deutlich und von der Weltpolitik bis in die deutsche Kulturpolitik sehen wir gerade jeden Tag, wohin Alleingänge führen. Mit k3d haben wir ein tragfähiges Netzwerk dafür geschaffen, unterschiedlichen Perspektiven in einem Rahmen auf Augenhöhe zusammenzubringen.
Anfang November findet in Kooperation von KreativBund und k3d der Jahreskongress der Kultur- und Kreativwirtschaft 2026 statt. Als Bundesverband für Konzert- und Live-Veranstaltungen seid ihr die Meister für unvergessliche Momente. Welchen unvergesslichen Moment wünscht du dir auf der Bühne für die Kultur- und Kreativwirtschaft?
JOHANNES EVERKE: In der Dimension “unvergesslich” wären für mich eher Kunsterlebnisse, die bei einem Kongress – und dabei bin ich sicher, dass dieser hier wirklich großartig wird – nicht zu erwarten sind. Aber ich fände es inspirierend, wenn in der deutschen Diskussion auch einmal ein paar große Stimmen von außerhalb unserer Branche zur Sprache kämen. Das machen OMR in Hamburg immer ganz gut, die mit Personen von außerhalb meines zentralen Blickfelds schon oft überrascht und beeindruckt haben.