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Wo Kreativität auf Unternehmertum trifft

Interview mit Daniela Beaujean, Geschäftsführerin des Medienverbands VAUNET
8 min.Interview18. Februar 2026

Foto: Markus Altmann
Daniela Beaujean ist seit 2019 Geschäftsführerin des Medienverbands VAUNET, wo sie im Interesse der 160 Mitgliedsunternehmen den Bereich Recht und Regulierung sowohl auf nationaler als auch europäischer Ebene verantwortet. Nach Stationen u. a. bei der EU-Kommission in Brüssel stieg sie 2004 beim Verband ein und vertritt diesen heute in zentralen Gremien wie z. B. der Filmförderanstalt (FFA) oder der Künstlersozialkasse. Darüber hinaus setzt sie sich für das Branchenbündnis' k3d und die Stärkung der Kultur- und Kreativwirtschaft als demokratiefördernden Wirtschaftsmotor ein. Wir haben mit Daniela über die Doppelrolle der Kultur- und Kreativwirtschaft und ihre Zukunftsvisionen für die Branche gesprochen.
Du hast kürzlich gesagt, dass die Kultur- und Kreativwirtschaft mehr ist als „nur“ ein Kulturgut, aber auch mehr als „nur“ ein Wirtschaftszweig. Kannst du erklären, wie du die Doppelrolle und Bedeutung der KKW in diesem Spannungsfeld siehst?
DANIELA BEAUJEAN: Ich sehe die KKW überhaupt nicht in einem Spannungsfeld von Wirtschaft und Kultur. Im Gegenteil, im Idealfall ist es eine symbiotische Verbindung, welche das Asset einer hohen gesellschaftlichen Relevanz, auch im Vergleich zu anderen Branchen, in sich trägt.
Mit Kreativität, innovativen Ideen und kulturellem Schaffen entstehen in der Kultur- und Kreativwirtschaft Güter und Dienstleistungen, die in unternehmerischen Strukturen und auf verschiedenen Märkten Wertschöpfung, Reichweite, Visibilität, Arbeitsplätze und Umsätze generieren.
Hinzu kommt, dass ein jeder von uns täglich mit Teilbranchen der KKW in Berührung kommt, indem er Musik, Bücher, Kunst, Filme, Medien, Mode, Design, Architektur, Presse oder Games konsumiert.
In deiner Funktion als Geschäftsführerin des VAUNETs sorgst du dich um die Belange von über 160 Mitgliedsunternehmern aus Fernsehen, Radio, Streaming und Web. Als Teil der Koalition der Kultur- und Kreativwirtschaft Deutschland (k3d) bist du Teil einer Interessenvertretung, die alle Teilbranchen der KKW vertritt. Das ist eine große Bandbreite von Interessen, die aufeinandertreffen. Vor diesem Hintergrund: Wo siehst du die Potenziale der Kultur- und Kreativwirtschaft und wie kann ihre besondere Wirkungskraft aus deiner Sicht besser genutzt werden?
BEAUJEAN: Die Heterogenität scheint auf den ersten Blick komplex, und hin und wieder ist es herausfordernd, alle Interessen und Positionen unter einen Hut zu bringen. Dies gilt sowohl für den VAUNET als auch für k3d. Aber übergeordnet bedeutet Heterogenität im positiven Sinne Vielfalt der Freiheiten, von Ausdrucksformen und Meinungen und nicht zu vergessen der Geschäftsmodelle. In der Durchsetzung all' dessen sind wir vereint.
Mit diesem reichhaltigen Angebot ist die Kultur- und Kreativwirtschaft kein in sich geschlossener Kreis, sondern liefert konkrete Impulse für andere Bereiche.
Für uns als VAUNET ist beispielsweise die technologieneutrale Integration von Radio mit seinen kuratierten Musikprogrammen und Nachrichten in Pkws bzw. in den neuen InCar-Entertainmentsystemen ein wesentliches Anliegen. Hierzu sind wir mit der Automobilindustrie im Austausch. Die Gewährleistung, dass Radio auf Dashboards allgemein zugänglich und leicht auffindbar bleibt, ist für die Bürger, das demokratische Leben und in Krisensituationen von entscheidender Bedeutung.
Mit ihren zahlreichen, auch regionalen, Off-air-Aktionen sind unsere Sender und Mitglieder zudem in den Städten und auf dem Land als wichtige Identifikationspunkte präsent. Sie tragen damit, wie auch viele andere Teilbereiche der Kultur- und Kreativwirtschaft, wesentlich dazu bei, das Innenstadtleben (wieder) attraktiv zu machen.
Mit Blick auf die Gesamtbranche und ihr gesellschaftliches Potenzial: Was wünscht du dir, damit diese Wirkungs- und Impulskraft der Kultur- und Kreativwirtschaft besser nutzbar gemacht werden kann?
BEAUJEAN: Mich wundert nach wie vor, dass die Politik das Potenzial der Kultur- und Kreativwirtschaft als Faktor für den Standort Deutschland, Europa und seine Wettbewerbsfähigkeit, für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Nachhaltigkeit nicht so richtig erkennen mag.
Deswegen werde ich nicht müde, zu wiederholen, dass die Kultur- und Kreativwirtschaft 123 Mrd. Euro Bruttowertschöpfung jährlich erwirtschaftet, somit 3,3 Prozent zur Bruttowertschöpfung beiträgt und entgegen dem gesamtwirtschaftlichen Trend 2023 um über fünf Prozent gewachsen ist, wie der aktuelle Monitoringbericht des Bundeswirtschaftsministeriums zeigt. Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist bezogen auf die Bruttowertschöpfung eine der größten Branchen in Deutschland und rangiert noch vor dem Maschinenbau und der chemisch-pharmazeutischen Industrie. Mit fast zwei Millionen Erwerbstätigen, hoher Produktivitätsdichte und überdurchschnittlicher Innovationsdynamik ist sie ein unverzichtbarer Bestandteil der deutschen Wirtschaft.
Als k3d haben wir es uns daher u. a. zur ambitionierten Aufgabe gemacht, deren Visibilität bis hoch ins Kanzleramt und an die Spitze der EU-Kommission zu stärken.
Die Zusammenarbeit des BKM und BMWE, die Neupositionierung des Bundeszentrums KreativBund, die Einberufung des Spitzentreffens zur Zukunft der Kultur- und Kreativwirtschaft im Kanzleramt sowie der zuletzt unter Federführung beider Ministerien abgehaltene Kongress des KreativBund im November 2025, mit k3d als Kooperationspartner, zeichnen einen Weg vor, den es aus unserer Sicht unbedingt fortzusetzen gilt.
Was aber nach unserem Eindruck noch fehlt, ist eine mehrjährige Strategie, die alle Ebenen, auf denen die KKW präsent ist, einbindet: meint Bund, Länder, Kommunen und Europa. Diesen Baustein würden wir gerne aktiv mitgestalten und haben erste Ideen für eine bessere Verzahnung eingebracht. Sowohl bei der Politik, aber zugegebenermaßen auch bei k3d ist Luft nach oben, indem wir noch stärker Themenfelder wie z. B. die Kultur- und Kreativwirtschaft als Triebfeder für Innovation, demokratische Resilienz und Nachhaltigkeit besetzen.
Was hat dich persönlich in den letzten Jahren darin bestärkt, dich für die Belange der Kultur- und Kreativwirtschaft einzusetzen? Gab es einen Moment oder eine Erfahrung, die dir ihre gesellschaftliche Bedeutung besonders deutlich gemacht hat?
BEAUJEAN: Es gibt nicht das eine Erlebnis, auch wenn z. B. die Corona-Pandemie gezeigt hat, wie wichtig die Kultur- und Kreativwirtschaft für das Wohl von uns Individuen und der Gesellschaft sowie den Zusammenhalt der Teilbranchen untereinander ist. Ich kann mich noch erinnern, wie schnell die privaten Medien im Lockdown ihren Sendebetrieb angepasst, die Bevölkerung mit Informationen, aber auch Unterhaltung und Shows versorgt haben. Für mich sind es daher insbesondere die sogenannten Soft Facts, die die Kultur- und Kreativwirtschaft auszeichnen und meine Motivation begründen: Kreativität gepaart mit Innovationsfähigkeit und Haltung, die demokratische Werte, Emotionen, Identitäten, Diversität sowie Integration vermittelt.
In Zeiten geo- und innenpolitischer Herausforderungen, angesichts einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft, des Versuchs extremistischer politischer Kräfte, die Demokratie ins Wanken zu bringen, ist die Kultur- und Kreativwirtschaft unser Kitt.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Katja Armbruckner