Kreativität als Ressource

Ein Gastbeitrag von Henning Besser, Bandmitglied und Creative Director von Deichkind, zur Frage, ob Kreativität als Ressource verstanden werden kann.

Ich glaube, wer Kreativität im Sinne einer ökonomischen Definition als Ressource betrachtet, also dass Kreativität als Mittel einem Zweck dienen sollte oder eine Lösung zu einem Problem sein möge, oder uns dabei hilft, unsere Ziele zu erreichen, der ist für mich an einer wichtigen Stelle ungünstig abgebogen und verjagt vermutlich das scheue Reh der Kreativität, bevor es sich gezeigt hat. Eine Definition der Kreativität, die mich immer wieder inspiriert hat, stammt von Prof. Peter Kruse und ist auf Youtube einfach zu finden*. Für Kruse ist Kreativität jener Prozess, der ein bestehendes altes Muster in ein neues überführt. Notwendigerweise gibt es mittendrin eine chaotische Übergangsphase, die dem Prozessmusterwechsel innewohnt. Es gibt Teams oder Einzelkreative, die in der Lage sind, einen chaotischen Übergangszustand hervorzurufen und ihn auch auszuhalten, bis sich das neue Muster zeigt und erkannt wurde.

Kreativität ist laut Kruse eine indirekte Variable, die niemand direkt beeinflussen kann. Die Aufforderung: „Sei mal kreativ“ entspringt reinem Wunschdenken. Wir können nur die Rahmenbedingungen herstellen, in denen sich Kreativität häufiger zeigt. Sie ist nicht kontrollierbar, sie will frei sein. Sie möchte sich nicht beugen oder unterordnen. Sie ist roh, wild und ungezähmt und kein Gaul, auf dem man reiten kann, um von A nach B zu gelangen.

Jedes Kind verfügt von Geburt an über enorme Kreativität, ohne dass es dafür etwas tun muss. Sie ist einfach da wie Luft, und quasi unbegrenzt vorhanden. Leider stellen wir als Gesellschaft Rahmenbedingungen her, in denen Kreativität im Laufe des Erwachsenwerdens oft wieder verlernt wird und das ist eine Tragödie, denn sie ist für mich etwas Heiliges und nicht einfach eine Ware oder so etwas Banales wie der Steigbügelhalter der Rendite eines Unternehmens oder eines Wirtschaftszweiges.

Lassen Sie uns bitte einmal den Blick dahin wenden, warum Kinder so kreativ sind und uns zunächst anschauen, wie Kinder lernen. Nach meinem Wissensstand lernen Kinder durch Spielen und durch Nachahmung. Sie folgen ihrer Neugierde und Freude und sind sehr gut mit ihren Bedürfnissen verbunden. Das ist ein ideales Lernumfeld. Aber ganz wichtig! Sie erlauben sich sowohl das Scheitern als auch kein Ziel zu haben. Wenn Sie zum ersten Mal auf einen Stuhl klettern, werden sie es beim nächsten Versuch garantiert nicht auf die gleiche Weise wieder versuchen, sondern eine andere Bewegungsabfolge, eine andere Iteration wählen, um jedes Mal weiter dazuzulernen. Sie sind Lernmeister, keine Zielmeister. Sie machen alles aus dem wichtigsten Grund, den es überhaupt geben könnte: „Warum machst Du das?“

„Darum!“ 

„Permission to failure leads to success.“ ist ein Kernsatz von Timothy Gallwey, dem Mitbegründer des Mentaltrainings im Sport, in seinem Buch „The Inner Game of Tennis“. Kinder sind wahre Meister darin. Kein Baby der Welt verfolgt das Ziel bis zur Vollendung des zweiten Lebensjahres bei der U7-Vorsorgeuntersuchung 57 Wörter sprechen zu können, und doch sehen wir immer wieder diese kognitive Meisterleistung.

 

Aber was haben denn Ziele mit Kreativität zu tun?

Lassen Sie mich versuchen, hier einen Zusammenhang sichtbar zu machen. Wer zielorientiert vorgeht, der kann nur die Ziele anvisieren, die ihm oder ihr im Moment der Zielfestlegung schon bekannt oder vorstellbar sind und eben nicht die Ziele imaginieren, von denen diese Person nicht mal ahnt, dass es sie überhaupt geben könnte. Damit ist die Kreativität beschnitten. Besonders ungünstig wird der Prozess, wenn wir unser Ziel nun auch noch unbedingt erreichen wollen. Die sogenannte Zielfixierung ist der Kreativität keine gute Unterstützung und sie hemmt uns darin, unser volles Potential zu entfalten. Noch ungünstiger wird es, wenn wir unseren Erfolg auch noch einzig über die Erreichung unserer Ziele definieren.

Gallwey empfiehlt, den Fokus von den äußeren Zielen wie z.B. dem Gewinn des nächsten Punktes im Tennisspiel zu lösen und um zwei weitere Fokusse zu erweitern, beziehungsweise alle drei in eine gleichwertige Balance zu bringen: „Wie fühlt es sich an, während ich es mache!“ und „Was kann ich lernen, während ich es mache!“

Alle drei Blickwinkel werden gleich wichtig.

In diesem Inner Game Prinzip liegt meiner Erfahrung nach eine enorme Qualität und seit wir uns bei Deichkind davon leiten lassen, haben wir in unserer Zusammenarbeit wirklich tolle Erfahrungen gemacht. Ich möchte Sie einladen, es selber auszuprobieren, denn ich glaube, wie wir für uns persönlich und als Gesellschaft Erfolg definieren, entscheidet mit darüber, ob günstige Rahmenbedingungen vorhanden sind, die Kreativität entstehen lassen.

* YouTube Video Prof. Peter Kruse (https://www.youtube.com/watch?v=oyo_oGUEH-I)

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