Kreativpiloten Ernennung | u-institut, Berlin – 1.12.2017

Mit dem Wursttoaster zum Mars?

Auf der Suche nach Innovationen ziehen viele Unternehmen noch immer als erstes ein Expertenteam aus der eigenen Profession heran. Dabei kann die Kooperation mit anderen Branchen besonders fruchtbar sein.

Der Künstler Marcel Duchamp sagte einmal: „Kunst ist das einzige, was Menschen bleibt, die der Wissenschaft nicht das Wort überlassen wollen“. Gleichzeitig meckerte er, dass die Kunst mit antiquierten und weltfremden Praktiken arbeite und oben drauf fehle da eh der intellektuelle Anspruch. Die Diskussion zur Auflösung bestehender Dichotomien fand also schon fast immer statt. Und so ist es kein Wunder, dass die genaue Definition und das spätere Verwerfen von Kategorien bei Geschlechtern, Liebe und, um den Bogen zum Matter at Hand zu schlagen, in den Wirtschaftsbranchen stattfindet.

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Das Lab "Utopien der Mobilität"

Während die Kultur- und Kreativwirtschaft das letzte Jahrzehnt über durch verschiedene Bundes- und Länderprojekte als Branche definiert und gepusht wurde, um ihre Signifikanz der Politik und anderen ökonomischen Sektoren näher zu bringen, so befinden wir uns aktuell in der Phase, in der sich die Menschheit von genauen Einteilungen in der Wirtschaft und überall sonst zu verabschieden scheint. Und das ist nichts Schlechtes: Es gibt mittlerweile ein drittes Geschlecht, die Ehe für alle, warum dürfen also nicht auch Philosophie und Volkswagen fusionieren? Gegönnt sei es den beiden.

Die Kultur- und Kreativwirtschaft vereint seit jeher Philosophie, Wissenschaft und politischen Aktivismus in einem. Wer sich Gedanken dazu macht, was unsere Welt noch braucht und wie wir sie schöner machen können, zahlt nicht nur existentielle Miete an das Universum, sondern bildet das Fundament für Weltoffenheit und Fortschritt. Kreative Ansätze werden zudem nicht mehr nur in solchen Branchen gebraucht, die das „kreativ“ bereits im Namen haben. Jedes Unternehmen fragt sich, mit welchen Mitteln die Innovation auch endlich bei ihnen Einzug hält. Wichtige Impulse hierfür kamen und kommen aus der Kreativwirtschaft, ihre Connection zu anderen Wirtschaftsbranchen beschert der Kreativwirtschaft Wachstumsmöglichkeiten einerseits und lehrt dazu etablierte Konzerne, wie man flexibel denkt.

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Das Lab "Utopien der Mobilität"

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Company Residency bei KPM

Die acht Labs von PHASE XI haben ein halbes Jahr lang genau das forciert: Bestehendes wurde aufgebrochen, die Einzelteile inspiziert und schließlich ein potentielles Upgrade entwickelt. Weg von der Golf-GTI-Metapher heißt das, dass zukünftige Ernährung, neue Mobilität, Alternativen für Bürokratie und vieles mehr untersucht und danach neue Ideen geprototypt wurden. Dass die Kultur- und Kreativwirtschaft das Potential hat, vom mittelständischen Unternehmen bis hin zum Finanzamt neue Denkansätze zu liefern, hat das Projekt bewiesen.

Und nu?

Die Schnittstellenprojekte von PHASE XI zeigen, dass intersektionales Arbeiten sinnvoll und zeitgemäß ist. Während Kreative mit ihren Ideen mittlerweile in Herzogenaurach und dem Apple-Ring in der Chefetage sitzen, kündigt sich bereits die dritte Welle der Branchentransformation an: Das Sichtbarmachen, Vernetzen und nun Aufbrechen der Grenzen der Kultur- und Kreativwirtschaft in den Köpfen und auf dem Papier.

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Company Residency bei KPM

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Das Amt für unlösbare Aufgaben entwickelt Alternativen für Bürokratie

Nicht nur die Neue Arbeit repräsentiert einen Wandel in der Art und Weise, wie wir arbeiten, auch die Branchen als solches lösen sich auf. Als bestes Beispiel marschieren die cross-sektoralen Intermedia-Agenturen Berlin-Mittes voran, die eigentlich eher aus dem Bereich Data-Telling und Gamification kommen, aber nicht als klassische Werbeagentur missverstanden werden wollen.

Das klingt ganz schön verwirrend. Und das ist auch gut so. Toiletten brauchen kein Label, geile Jobs und geile Branchen auch nicht. In der Zukunft arbeiten alle mit allen zusammen und, so kitschig wie es nun mal klingt, gemeinsam können die großen Probleme der Welt so vielleicht wirklich gelöst werden. Wenn es keine Grenzen mehr gibt, strengen wir unsere Köpfe mehr an und wer weiß, vielleicht kommt sogar was Sinnvolles dabei raus. Wenn ein gepflegtes „Anything goes!“ von Paul Feyerabend in die Tat umgesetzt wird, fliegen wir in ein paar Jahren mit der NASA zum Mars und es wäre doch schade, wenn vegane Weltall-Würstchen samt Toaster bis dahin noch nicht entwickelt wären. Over and out.

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Das Amt für unlösbare Aufgaben entwickelt Alternativen für Bürokratie

Credits

Text: Felix Haas

Fotos: Ariane Kaiser, The Constitute

Anstehende Veranstaltungen

  1. Panel zur Fachkräftesicherung beim German Creative Economy Summit

    6. März - 7. März
  2. Wissenschaftliche Fachkonferenz 2024: Berufsbilder der Kultur- und Kreativwirtschaft im Wandel

    19. März, 10:00 - 16:15

Credits

Text: Felix Haas

Fotos: Ariane Kaiser, The Constitute

Wie trägt Kultur- und Kreativwirtschaft zu mehr Kreislaufwirtschaft bei?

Prinzipien aus der Natur abzuschauen hat schon viele Erfindungen hervorgebracht. Insbesondere Kreislaufsysteme der Natur sind Vorbilder für ein nachhaltigeres Leben. Die Umgestaltung unserer Wirtschaft zu einem kreislaufwirtschaftlichen System stellt jedoch eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung dar, die nur branchenübergreifend und ganzheitlich gelöst werden kann. Im Unterschied zum deutschen Begriff „Kreislaufwirtschaft“, der sich auf den Umgang mit Abfall fokussiert, ist der englische Begriff „Circular Economy“ (also „zirkuläres Wirtschaften“) bereits viel weiter gefasst und betrachtet das gesamte Produktsystem. Hier geht es um durchdachte Kreisläufe von Anfang an, die bereits beim Design von Produkten beginnt.

Innovative Ideen und praktische Ansätze für zirkuläres Wirtschaften finden sich schon seit Jahren in der Kultur- und Kreativwirtschaft, zum Beispiel in der Architektur, im Produkt- und Materialdesign, der Film- und Veranstaltungsindustrie sowie dem Modemarkt. Viele Beispiele werden Sie in diesem Magazinschwerpunkt kennenlernen können

In unserer Kurzreportage zur Kreislaufwirtschaft haben wir diesmal mit Architekt*innen Sandra Düsterhus (Point.Architektur) und Martin Haas (haascookzemmrich) über die Ansätze bei ihren Projekten in der Außen- und Innenarchitektur gesprochen und was der Fokus auf Kreislaufwirtschaft auch für die Gestaltung bedeutet.