Neue unternehmerische Ökosysteme gestalten

Warum Innovation nur im Zusammenspiel entsteht - ein Gastbeitrag von Christian Mohr, Geschäftsführer UnternehmenerTUM

MakerSpace der UnternehmerTUM, Foto: UnternehmerTUM

Innovation wird häufig als Projekt verstanden: ein neues Produkt, ein Geschäftsmodell, eine Technologie. Aus meiner Erfahrung greift das zu kurz. Innovation entsteht nicht punktuell, sondern in Systemen. Wenn wir über die Zukunftsfähigkeit unseres Standorts sprechen, müssen wir über die Gestaltung unternehmerischer Ökosysteme sprechen.

Die Transformationsaufgaben unserer Zeit – Klimaneutralität, Kreislaufwirtschaft, der verantwortungsvolle Einsatz von Künstlicher Intelligenz – sind zu komplex für einzelne Organisationen. Entscheidend ist das Zusammenspiel.

Ökosysteme als strukturelle Voraussetzung

Ein wirtschaftliches Ökosystem ist ein Gefüge von Akteurinnen und Akteuren, die Wissen, Ressourcen und Kompetenzen verbinden. Sein Wert entsteht durch Interaktion. Offenheit, Dynamik und Lernfähigkeit sind dabei keine Schlagworte, sondern Funktionsbedingungen. In technologiegetriebenen Feldern zeigt sich das besonders deutlich. Universitäten, Start-ups, etablierte Unternehmen, Investorinnen und Investoren sowie öffentliche Institutionen arbeiten an unterschiedlichen Stellen der Wertschöpfung. Entscheidend ist nicht ihre Koexistenz, sondern die Qualität ihrer Zusammenarbeit.

Bei UnternehmerTUM arbeiten wir seit über zwei Jahrzehnten daran, ein Innovationsökosystem aufzubauen, das den Transfer von Forschung in unternehmerische Umsetzung systematisch erleichtert. In enger Zusammenarbeit mit der Technischen Universität München (TUM), Industriepartnern, Investoren und öffentlichen Akteurinnen ist ein Gefüge entstanden, in dem unterschiedliche Bausteine ineinandergreifen: von der frühen Orientierung und Teambildung über Prototyping und Pilotprojekte bis hin zu Finanzierung und Skalierung. Innovation wird dadurch weniger zufallsabhängig. Sie. bekommt Struktur.

Foto: UnternehmerTUM

Kollaboration braucht Infrastruktur

Ökosysteme bleiben abstrakt, wenn sie nicht konkret erfahrbar werden. Deshalb braucht es Räume, in denen Zusammenarbeit praktisch stattfindet. Der MakerSpace von UnternehmerTUM ist ein solcher Bestandteil unserer Infrastruktur. Studierende, Gründerinnen, Designer, Ingenieurinnen und Mitarbeitende etablierter Unternehmen arbeiten hier gemeinsam an Prototypen. Werkstätten und Maschinen sind dabei Mittel zum Zweck. Entscheidend ist die direkte Zusammenarbeit unterschiedlicher Disziplinen.

 Im MakerSpace wird sichtbar, wie Ökosysteme funktionieren: Forschung wird anwendungsnah, Konzepte werden technisch überprüfbar, industrielle Anforderungen fließen früh in Entwicklungsprozesse ein. Ideen werden getestet statt diskutiert. Kreativität zeigt sich hier als Methode – im iterativen Testen, Anpassen und Weiterentwickeln. Solche Strukturen reduzieren Reibungsverluste und beschleunigen den Weg zur marktfähigen Lösung.

Interne Voraussetzungen und unterschiedliche Logiken gestalten

Externe Zusammenarbeit wirkt nur, wenn Organisationen intern anschlussfähig sind. Erfolgreiche Ökosystem-Partizipation beginnt mit einem klaren Blick nach innen. Unternehmen brauchen strategisch definierte Innovationsfelder, klare Verantwortlichkeiten, Ressourcen für explorative Vorhaben und Entscheidungswege, die Kooperation ermöglichen. Viele Innovationsinitiativen scheitern nicht am Markt, sondern an internen Mechanismen: Klassische Prozesse priorisieren Sicherheit statt Disruption, Ressourcen sind im Kerngeschäft gebunden, Risiko wird systematisch reduziert.

Gleichzeitig treffen in Ökosystemen unterschiedliche Arbeitslogiken aufeinander. Start-ups agieren schnell und flexibel, etablierte Unternehmen prozessorientiert, Forschung folgt wissenschaftlicher Systematik, kreative Akteure denken nutzerzentriert. Diese Unterschiede sind produktiv – sofern sie bewusst gestaltet werden.

Dafür braucht es klare Zielbilder, definierte Rollen, verbindliche Entscheidungsstrukturen und eine Instanz, die Zusammenarbeit koordiniert. Ohne Orchestrierung bleibt Kooperation zufällig. Mit ihr wird sie strukturell wirksam.

Die Rolle der Kultur- und Kreativwirtschaft

Die Kultur- und Kreativwirtschaft wirkt in solchen Systemen als verbindendes Element. Sie schafft Anschlussfähigkeit zwischen Technologie und Anwendung, zwischen Idee und Markt. Im Zusammenspiel von Technologie, Gestaltung und Unternehmertum – häufig als Creative Tech beschrieben – entstehen Lösungen, die technisch robust und gesellschaftlich relevant sind. Kreativität ist dabei keine Ergänzung. Sie ist eine strukturelle Voraussetzung für Innovationsfähigkeit.

Systeme bauen

Wer Innovationskraft stärken will, muss Systeme gestalten. Es geht nicht um einzelne Programme, sondern um Infrastruktur: Räume, Plattformen, klare Leitplanken und langfristige Partnerschaften. UnternehmerTUM und der MakerSpace sind Beispiele dafür, wie solche Strukturen aussehen können. Entscheidend ist jedoch nicht das Modell, sondern das Prinzip: Innovation entsteht dort, wo unterschiedliche Kompetenzen dauerhaft zusammenfinden.

In diesem Sinne kommt der Kultur- und Kreativwirtschaft eine Schlüsselrolle zu: Sie verbindet Technologie mit Bedeutung, Innovation mit gesellschaftlicher Relevanz – und trägt dazu bei, dass neue unternehmerische Ökosysteme nicht nur wirtschaftlich erfolgreich, sondern langfristig zukunftsfähig gestaltet werden.

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