Der Moment, als Tausende Menschen ihre Adidas-Sneaker in die Höhe hielten.
KreativBund im Gespräch mit Christiane Arp, einer der prägendsten Stimmen der deutschen Modebranche
5 min. LesezeitInterview22. Januar 2026
Copyright: Axl Jansen
Mode ist mehr als Kleidung – sie ist Ausdruck gesellschaftlicher Entwicklungen, wirtschaftlicher Dynamiken und kultureller Identität. Christiane Arp, langjährige Chefredakteurin der deutschen Vogue, gehört zu den prägendsten Stimmen der deutschen Modebranche. Als Gründungsmitglied und Vorstandsvorsitzende des Fashion Council Germany e.V. setzt sie sich dafür ein, Mode in und aus Deutschland nachhaltig zu stärken – mit besonderem Blick auf den Nachwuchs und die Zukunft der Branche. Ein Gespräch über Trends, gesellschaftliche Verantwortung und die Frage, wie die deutsche Modebranche zukunftsfähig bleiben kann.
Der Fashion Council Germany ist seit 2015 die Interessensvertretung für Mode “designed in Germany”. Warum braucht die deutsche Modebranche eine solche Institution?
Bereits zur Gründungszeit des Councils war es unser Anliegen, erstmals ein unabhängiges Organ zu schaffen, das weniger die Textil- und Bekleidungsindustrie als ganz konkret die Modebranche vor Akteurinnen und Akteuren der Politik und Wirtschaft vertritt. Als ein Teil der Kreativwirtschaft in Deutschland, der in seiner Gesamtheit lange nicht ausreichend wahrgenommen wurde, sieht sich gerade die Mode mit ganz individuellen Herausforderungen, aber auch mit großen Chancen konfrontiert. Von Anfang an war es uns und mir persönlich ein Anliegen, diese erstmals umfassend zu formulieren und zu vermitteln. Auf dieser Kommunikationsleistung basierend haben wir in den vergangenen Jahren viele Initiativen gestartet, die sowohl die Sichtbarkeit der Mode in und aus Deutschland weiter vergrößert, als auch die Player der Branche dabei unterstützt, mit Blick auf die Herausforderungen unserer Zeit handlungsfähig zu bleiben und erfolgreich zu werden. Unsere Projekte sollen darüber hinaus dazu beitragen, dass der Standort Deutschland gerade auch für den Nachwuchs immer interessanter wird. Wir haben in den vergangenen Jahren oft festgestellt, dass junge Designerinnen und Designer Deutschland verlassen und ihr Glück woanders suchen. Diese Entwicklung kann sich Deutschland gerade im Moment nicht leisten.
Wir würden gerne mit Ihnen ein wenig hinter die Kulissen schauen. Wie entscheidet das Fashion Council, welche Initiativen und Projekte umgesetzt werden?
Die beschriebenen Initiativen entstehen immer in Teamarbeit. In den unterschiedlichen Personalbereichen des Fashion Councils enstehen viele Ideen: Wir haben etwa ein eigenes Team, das sich ganz um die Berlin Fashion Week als zentrale Bühne für Modedesign in und aus Deutschland kümmert, sowie Teams, die gezielt an der Internationalisierung der deutschen Szene oder an der Unterstützung von Designerinnen und Designern bei der nachhaltigen Ausrichtung ihrer Unternehmen arbeiten. Gleichzeitig bringen wir im Vorstand auch selbst unsere Expertise ein, um gemeinsam möglichst detailreiche, effektive und zukunftsgerichtete Projekte entstehen zu lassen.
Woher bekommen Sie neue Impulse und Ideen für die Arbeit des Fashion Council?
Die Förderung des Nachwuchses ist eine ganz zentrale Aufgabe des Councils. Dabei stellen wir immer wieder fest, dass eine Art Wechselwirkung entsteht – wir fördern und unterstützen junge Talente auf der einen Seite und bekommen von ihnen auf der anderen Seite ganz konkret gespiegelt, was die Szene gerade umtreibt, wo sie auf Herausforderungen stößt und welche Chancen sie für eine wettbewerbsfähige Zukunft sieht. Das ist ein gewinnbringender Austausch für beide Seiten, der immer neue Ideen und konkrete Initiativen hervorbringt.
Lassen Sie uns noch mehr über Mode sprechen. Welche Bedeutung haben Trends für Sie in der Modebranche?
Im Verständnis der Trendforschung ist ein Trend etwas Langlebiges und Gesellschaft veränderndes. Das heißt, Modedesignerinnen und Modedesigner erschaffen Trends, indem sie gesellschaftliche Ereignisse spiegeln – seien es politische Verwerfungen und Katastrophen oder Großereignisse und soziale Bewegungen. Ich möchte hierfür ein konkretes Beispiel nennen, das interessanterweise gerade auch von einer deutschen Firma geprägt wurde – die Evolution des Sneakers: Man denke nur an das Lied „My Adidas“ von Run-D.M.C. 1986 und an das legendäre Konzert im Madison Square Garden, bei dem Tausende Menschen zu eben diesem Lied ihre Adidas-Sneaker in die Höhe gehalten haben. Der Sneaker wurde zum Symbol der Zugehörigkeit und Gemeinschaft – und ist heute ein ständiger Begleiter für alle Menschen, der 24/7-Schuh. Das war in vielerlei Hinsicht eine der größten Revolutionen in der Mode, die ich in den vergangenen 40 Jahren wahrgenommen habe: Für mich persönlich auch, weil der Sneaker verändert hat, wie wir als Frauen uns bewegen, wie dynamisch wir unseren Alltag gestalten können.
Welche Trends sehen Sie aktuell in der Modelandschaft?
Mehr denn je wird die Mode aktuell von dem geprägt, was gerade die junge Generation bewegt: von durchaus ernsten und gesellschaftsrelevanten Themen wie Diversity, Zugehörigkeit und Teilhabe, aber auch von Fragen der Nachhaltigkeit und Fairness – von der Suche nach Sicherheit. Das führt dazu, dass die globale Modeindustrie einen großen Umbruch durchlebt, weil ihr viele Antworten auf diese Themen noch fehlen. Darin sehe ich aber nicht nur eine Herausforderung, sondern eine Chance – nicht zuletzt für junge Designerinnen und Designer –, diese wichtigen Themen wirklich anzugehen.
Wo sehen Sie die Rolle der Modebranche innerhalb der Kultur- und Kreativwirtschaft?
Sie bringt eben genau das aufs Beste zusammen: Kultur, Kreativität, Wirtschaft. Erfolgreiche Modermarken und -kollektionen haben nicht nur das Potenzial, die Wirtschaft in Deutschland zu stärken, sondern können auch die Wahrnehmung des Landes nach außen hin prägen. Dabei hilft, dass Mode global lesbar ist – sie ist ein Kulturgut, das letztlich auch jene Werte, die uns hoffentlich einen, effektiv nach außen kommunizieren kann.
Wer ist aus Ihrer Sicht aktuell eine spannende Person in der deutschen Modelandschaft?
Mir fallen viele ein – aber da ich in jeder Liste, und sei sie auch noch so lang, wahrscheinlich immer jemanden vergessen würde, nur so viel: Ich schätze eigenständiges und innovatives Design. Nur dieses kann Mode in und aus Deutschland spannend und erfolgreich machen.