Wir können Zukunft – zeigen es aber nicht richtig
Die Kultur- und Kreativwirtschaft steht unter wachsendem Druck und bringt zugleich zentrale Zukunftskompetenzen mit: Kreativität, Neugier und Transformationskraft. Doch ihr Wert bleibt oft unsichtbar, gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. 5 (un)bequeme Wahrheiten – und 5 konkrete Vorschläge für Branche, Politik und Wirtschaft, um unsere unternehmerischen Potenziale sichtbarer zu machen und besser zu nutzen.
von Irmgard Hesse, CEO, Zeichen & Wunder & Vizepräsidentin des Deutschen Designtags6 min.Expertise14. Juli 2026

Irmgard Hesse, geschäftsführende Gesellschafterin Zeichen & Wunder, Vizepräsidentin Deutscher Designtag - Copyright: Zeichen & Wunder
Die Kultur- und Kreativwirtschaft verfügt über genau jene Kompetenzen, die für Transformation und Innovation heute entscheidend sind. Gerade in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten gilt es, den Wert von Kreativität, Design und unternehmerischem Denken sichtbarer zu machen. Irmgard Hesse die Geschäftsführerin der Designagentur Zeichen & Wunder sowie die Vizepräsidentin des Deutschen Designtags zeigt in 5 (un)bequemen Wahrheiten und 5 konkreten Vorschlägen auf, wie Branche, Politik und Wirtschaft dieses Potenzial künftig besser nutzen können.
1. Wahrheit: Neugier und Kreativität sind die Rohstoffe unserer Zeit
Innovationskraft wird branchenübergreifend händeringend gesucht. „Transformation“ ist eines der populären Schlagworte unsere Zeit. Denn die Wirtschaft in Deutschland gilt als zu statisch, wenig wandelfähig und auf veralteten Mustern und Techniken verharrend. Durch die Globalisierung mit ihren weltweit unterschiedlichen Rahmenbedingungen sind bereits Teile der industriellen Produktion abgewandert. Es ist entscheidend, sich auf die Rohstoffe einer Wissensgesellschaft zu besinnen. Dringend gesucht sind originelle Ideen, „Out oft the Box“-Denken, neue Blickwinkel und unorthodoxe Perspektiven. Und das sind genau die Kernkompetenzen, die die Kultur- und Kreativwirtschaft mit ihren rund zwei Millionen Erwerbstätigen auszeichnet. Als Unternehmerin, aber auch als Vertreterin der Designwirtschaft kann ich das exemplarisch an meiner Branche festmachen, denke aber, dass das ähnlich auch für andere Bereiche der Kreativ- und Kulturwirtschaft gilt.
Vorschlag: Mit über 200 Milliarden Euro Umsatz ist die Kultur- und Kreativwirtschaft ein großer Player – aber an vielen Stellen fehlen grundsätzliche Daten und Zahlen, die den Wert von kreativem Denken und Handeln differenziert belegen und die wirtschaftliche Bedeutung von eingesetzten Kreativstunden belegen.
2. Wahrheit: Kreative: Bitte erwachsen werden
Liebe Kreative, bitte aufwachen und das Heft des Handelns selbst in die Hand nehmen! Ganz klar, aktuell herrscht eine anspruchsvolle Gesamtgemengelage. Die Kreativbranche steht unter enormen wirtschaftlichen Druck, zusätzlich angeheizt durch den immer breiteren Einsatz von KI und einem damit einhergehenden Verfall des Werts von vielen etablierten Kreativleistungen. Aber anstatt zu lamentieren, sollte unsere Branche sich ehrlich machen und nach den Ursachen auch im eigenen Haus suchen.
Paradox ist der erstaunlich große Gap zwischen Selbst- und Fremdbild – gerade bei den Kernkompetenzen: Während wir Designerinnen und Designer uns Fähigkeiten wie zum Beispiel „Komplexität reduzieren“ oder „Veränderung empathisch vermitteln“ selbstverständlich zuschreiben, werden diese in Forschung, Wirtschaft und Gesellschaft eher nicht in unserer Branche gesucht. Leider herrscht in Wirtschaft und Gesellschaft häufig das Bild der „Spielkinder“ vor, als das der seriösen, hochkompetenten Innovatorinnen und Sparringspartner auf Augenhöhe. Dabei hat die Kreativwirtschaft jede Menge unternehmerische Potenziale und Stärken einzubringen. Das wird aber nur gelingen, wenn wir uns selbst noch intensiver zum Beispiel mit wirtschaftlichen Kennzahlen und neuen Technologien beschäftigen und uns als ernstzunehmende, bereichernde Schnittstelle und Partner anbieten.
Vorschlag: Wir als die führenden Expertinnen und Experten auf dem Gebiet des Storytellings sollten am eigenen Bild in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft arbeiten. Es hilft nichts, wenn wir uns selbst großartig finden. Täglich gilt es, die Relevanz und den Mehrwert von kreativem Denken für die Wirtschaft und die Gesellschaft nachzuweisen, zu erklären und selbstbewusst einzubringen. Denn Kreativität und Neugier sind keine „Add-ons“, sondern bilden die grundlegende Voraussetzung, dass Innovation gedeihen kann.
Irmgard Hesse auf dem Panel beim KreativBund-Kongress Zukunft unternehmen 2025 - Copyright: Alena Schmick
3. Wahrheit: Für fairen Wettbewerb
Der immer härtere Wettbewerb unter Kreativen wird von potenziellen Auftraggebern leider wieder verstärkt genutzt, um weitreichende Leistungen ohne Bezahlung als „Vorleistung“ einzufordern. Nahezu alles scheint erlaubt – und wirtschaftliche Zwänge führen dazu, dass eine Solidarisierung innerhalb der Designbranche gegen diese Praktiken kaum möglich ist. Vielen Solo-Selbstständigen und Agenturen fehlt schlicht der wirtschaftliche Spielraum, um auf diese Arten des „Kennenlernens“ vom Kunden zu verzichten.
Vorschlag: Allianzen schmieden. Anstatt als reine, ausführende Dienstleister am Ende einer Kette zu stehen, müssen Kreative sich von Anfang an als Co-Innovation- und Sparrings-Partner positionieren. Wir sollten dafür sorgen, dass die eigene Leistung als Beratung mit hohem Nutzen für unsere Auftraggeber wahrgenommen wird. Nur durch sichtbare, gemeinsame Pilotprojekte beweisen Kreative den Wert und die Relevanz kreativen Denkens.
4. Wahrheit: Design systematisch einbeziehen und fördern
Die Designerinnen und Designer stehen parat, ihren Teil zur Modernisierung und Stärkung Deutschlands beizutragen. Zu Innovationsförderung, Bürokratieabbau und zur Stabilisierung unserer Demokratie können Kreativschaffende viel beitragen.
Es ist an der Zeit, dass Design als strategisches Werkzeug erkannt und gezielt eingesetzt wird. Denn Design hat die Fähigkeit, Prozesse und Strukturen verständlicher, nahbarer, transparenter und effizienter zu machen. Design bringt Klarheit in komplexe Strukturen und spricht Menschen mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen an und hilft so dabei, Barrieren abzubauen und Partizipation und Inklusion zu ermöglichen.
Um an den drängenden Themen unserer Zeit systematisch mitwirken zu können, ist weit mehr als das Engagement einzelner nötig. Als vergleichsweise „junger“ Wirtschaftszweig brauchen wir dringend institutionalisierte, professionelle Plattformen, um unser Know-how stärker und kontinuierlich einbringen zu können.
Vorschlag: Möglichkeiten schaffen, um über den eigenen Tellerrand zu blicken: Wie Kultur- und Kreativwirtschaft besser nutzbar gemacht wird, lässt sich von anderen Ländern wie zum Beispiel Dänemark lernen, die zum Beispiel Design als unverzichtbaren und nützlichen Motor für Innovation erkannt und gefördert haben.
5. Wahrheit: Sichtbarkeit und Vernetzung stärken
Wer nicht gesehen wird, dessen Know-how wird auch nicht in Prozesse und Entwicklungen integriert. Als Kreative sehen wir ein klares Bild von unserer Wirkung, den gesamtwirtschaftlichen Potenzialen und den notwendigen Prozessen und Veränderungen. Was bisher noch fehlt ist eine bessere Umsetzung schon jetzt. Der Deutsche Designtag hat deshalb zum Beispiel mit seinen Mitgliedsorganisationen im Jahr 2025 mit viel ehrenamtlicher Kraft sowie Förderungen durch den Bund, das Land Bayern und die Stadt München den 1. Bundeskongress Design, die DIVE’25, erfolgreich ins Leben gerufen.
Geplant ist der zweite Bundeskongress Design im Herbst 2027 mit vielen spannenden Themen von der europäischen bis zur ganz lokalen Ebene. Gerade in der Vermittlung ist Design ein fantastischer Hebel, um große, abstrakte Themen auf handliche Dimensionen und konkrete Anwendungen herunterzubrechen und so für viele Menschen nahbar und emotional erfahrbar zu gestalten.
Vorschlag: Wir brauchen mehr Vernetzung und Formate mit Strahlkraft, bei denen sich Kreativwirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Politik begegnen. Hier wünsche ich der Kreativbranche deutlich mehr Sichtbarkeit und Orte, um in den direkten Dialog und Austausch mit kreativen Expertinnen und Experten, der Zivilgesellschaft und der Wirtschaft zu gehen.
Chancen und Potenzial nutzen
Die Kreativbranche ist an vielen Stellen ein noch schlummernder Faktor für echten Change und Innovation. Die ihr innewohnenden und dringend benötigten Potenziale sollten wir alle gemeinsam heben. Damit dies gelingt, brauchen wir Kreative, die selbstbewusst und sichtbar kommunizieren, aus der eigenen Bubble heraustreten und sich offen und aktiv vernetzen.



