Industrie neu gedacht

Im Februar traf sich das KreativBund Unternehmens_forum bei seinem Mitgliedsunternehmen GRAFE in Erfurt. Gemeinsam wurde zwischen Industrie und Kreativwirtschaft über betriebswirtschaftliche Strategien und Herausforderungen diskutiert. Am Ende wurde klar: Kreativwirtschaft und Industrie arbeiten gemeinsam an konkreten betriebswirtschaftlichen Fragestellungen – und zeigen, wie gezielt eingesetzte Kreativität echte Innovationskraft entfalten kann.

GRAFE GmbH in Blankenhain, Geschäftsführer Sebastian Grafe führt durch die Produktionsstätte. Credit: Susann Nürnberger

An einem Dienstagvormittag Anfang Februar kommt eine kleine Gruppe von Unternehmerinnen und Unternehmern aus ganz Deutschland in Thüringen zusammen. Sie alle sind Mitglieder des Unternehmens_forums des KreativBundes – eines Netzwerks, das Industrie und Kultur- und Kreativwirtschaft gezielt miteinander ins Gespräch bringt. Erste Station ist das "Kontor" Erfurt, später geht es weiter zur GRAFE GmbH nach Blankenhain. Schnell wird deutlich, worum es an diesem Tag geht: Zwischen Industrierobotern, Street Art und Kunststoffgranulat entsteht ein ungewöhnlicher Dialog. Kreativwirtschaft und Industrie arbeiten gemeinsam an konkreten betriebswirtschaftlichen Fragestellungen – und zeigen, wie gezielt eingesetzte Kreativität echte Innovationskraft entfalten kann.

 Betritt man das Gelände des "Kontor" in Erfurt, fällt zuerst diese eigenwillige Mischung aus Industrie und Design ins Auge: ein schmales zweistöckiges Hauptgebäude, an das sich eine langgestreckte Halle mit Rampe und Vordach anschließt. Die Architektur erzählt von der nüchternen Logik eines DDR-Warenlagers, von Anlieferung und Weitertransport - wären da nicht das knallige Gelb und der modern anmutende Eingang, der durch einen dunklen Container mit übergroßen weißen Pfeilen führt.

 Vom Warenlager zum Möglichkeitsraum

 Im Inneren des Gebäudes öffnet sich ein Raum mit weiten Flächen und großen Fensterfronten. Hier, in den einstigen Lagerhallen, wird heute entworfen, programmiert, geprobt. Büros liegen neben Ateliers und Tanzstudios, Start-ups arbeiten Tür an Tür mit etablierten Unternehmen und Kreativen. Der alte Industrieboden glänzt im hereinfallenden Licht und offenbart gleichzeitig die Spuren und Markierungen des ehemaligen Logistikzentrums. Es ist der perfekte Ort für den ersten Stop des Vernetzungstreffens, zu dem das Unternehmens_forum des KreativBund eingeladen hat – ein Ort, an dem Industrie auf Kreativität trifft, die Potentiale interdisziplinären Arbeitens sichtbar werden und aus Begegnungen neue Verbindungen, Perspektiven und gemeinsame Projekte entstehen.

 "Immobilienentwicklung ist mein Hobby", lacht Frank Sonnabend, der das "Kontor" in Zusammenarbeit mit dem Erfurter Architekturbüro herrschmidt entwickelt hat. 25 Jahre lang stand das Gebäude leer und verfiel zusehends. Die Fotos im Eingangsbereich dokumentieren den Zustand der Ruine eindrücklich: eingeschlagene Fenster, Bäume, die in den Hallen gewachsen sind. Heute zeugen davon nur noch die Graffitis, die an den Säulen verblieben sind. Frank Sonnabend ist sich sicher, dass es Orte wie diesen braucht, um Veränderung und Zukunft in deutschen Städten zu gestalten. Er selbst ist nach dem Studium - anders als viele seiner Kommilitoninnen und Kommilitonen - bewusst in Erfurt geblieben und möchte junge Leute ebenfalls zum Bleiben animieren – durch moderne und inspirierende Orte zum Leben und Arbeiten.

Das Unternehmens_forum im "Kontor"

Hightech trifft Street Art

 Eine Etage tiefer, im "Mehnert Lab", bekräftigt René Mehnert den Stellenwert von kreativen Räumen, in denen kollaboratives Arbeiten über verschiedene Branchen hinweg möglich wird. Der CEO der Mehnert GmbH, einem Industriedienstleister im Sondermaschinen- und Anlagenbau, hat das "Mehnert Lab" 2020 gegründet, ein Hub für Wissensaustausch und Qualifikation von Fachkräften. "Das Bild, das junge Leute heutzutage von der Industrie haben, ist nicht besonders sexy", sagt Mehnert. "Deshalb braucht es genau solche Orte, die ein neues, modernes Bild unserer Branche vermitteln und attraktiv für junge Fachkräfte sind." Das Lab zeigt sich als cleaner, hell ausgeleuchteter Raum, in dem Aluminiumprofile, Glasabtrennungen und sauber verlegte Kabeltrassen das Bild bestimmen. Hinter Schutzwänden arbeiten Industrieroboter, Versuchsanordnungen stehen modular aufgebaut auf weißen Böden. Gleichzeitig zeigt sich auch hier der Geist des "Kontors": an der Decke hängt eine Discokugel, an den Wänden die knalligen großformatigen Werke des Erfurter Künstlers Marc Jung, der zwei Stockwerke weiter oben sein Atelier hat. Einige der Roboter sind von weiteren ansässigen Künstlerinnen und Künstlern gestaltet worden und muten nach Street Art an. Damit wird das "Mehnert Lab" zum temporären Ausstellungsraum und lässt ein Spannungsfeld aus Hightech und künstlerischem Ausdruck entstehen – ein Ort, an dem Technologie nicht nur entwickelt, sondern inszeniert und weitergedacht wird.

 Kunststoff, Farbe und ein Geruch, der bleibt

 Zwei Stunden später, bei der GRAFE GmbH in Blankenhain. Das Unternehmens_forum ist bei dem Thüringer Masterbatchhersteller zu Gast, um die unterschiedlichen unternehmerischen Perspektiven in einem Cross Innovation Workshop zu teilen: vier Stunden, eine Problemstellung – und ein vom Unternehmens_forum eigens dafür zusammengestelltes Kreativteam aus den Bereichen Produktdesign, Kommunikation, Architektur, Werbung und Logistik. Beim Betreten der Werkhalle steigt einem sofort der markante Geruch von verarbeitetem Kunststoff in die Nase. "Das ist das Erste, was alle unsere Gäste bemerken", schmunzelt Sebastian Grafe, der in der Geschäftsführung des Unternehmens tätig ist. "Für mich ist dieser Geruch ein Stück von Zuhause und Zugehörigkeit – wahrscheinlich eine Langzeitfolge der zweiten Generation eines Familienunternehmens." Die GRAFE GmbH stellt Farbgranulate – sogenannte Masterbatches – her, mit denen Kunststoffe exakt eingefärbt werden können, sowie maßgeschneiderte Kunststoffmischungen, die Materialien zusätzliche Funktionen verleihen. In einem komplexen Prozess werden Kunststoffgranulate in jedweder Farbnuance produziert. So entstehen beispielsweise die Farben der berühmten Playmobil-Figuren oder das leuchtende Kärcher-Gelb. In den letzten 35 Jahren sind so über 1,4 Millionen Rezepturen und ca. 350.000 versendete Muster für mehr als 3000 Kunden verschiedenster Branchen entstanden, die heute noch allesamt bei GRAFE eingelagert sind.

 Vier Stunden, ein Problem, unzählige Ideen

 Im ersten Stock versammeln sich die Teilnehmenden des Workshops im Meetingraum: In den kommenden vier Stunden steht die Prozessoptimierung bei der Entwicklung eines ersten Farbbatches im Mittelpunkt. Der bisherige Ablauf ist zeitintensiv: Ein Kunde sendet ein Produkt in einem spezifischen Farbton nach Blankenhain. Auf dieser Grundlage entwickelt GRAFE ein passendes Farbmuster, das anschließend zur Abstimmung zurückgeschickt wird. Da Grafe Kunden aus über 60 Ländern beliefert, vergehen zwischen Versand, Bemusterung und Feedback nicht selten Tage oder Wochen. Die zentrale Frage lautet daher: Wie lässt sich dieser Prozess schneller und kosteneffizienter gestalten? Gesucht werden Ansätze, die Farbabstimmung, Kommunikation und Musterentwicklung neu denken – digitaler, direkter, intelligenter.

 Im Meetingraum wird es still, nur noch das Brummen der Maschinen aus der Werkhalle dringt durch die geschlossenen Türen. Im Cross Innovation Workshop wird zunächst frei gedacht. Menschen aus unterschiedlichen Branchen und Bereichen skizzieren ihre Ideen und stellen dadurch Gewohntes infrage. Der Phantasie ist zunächst einmal keine Grenzen gesetzt, alles ist erlaubt. So werden ganz neue Szenarien entworfen. Zwischendurch wird gelacht – über Einfälle, die im ersten Moment kühn klingen, im zweiten - und mit kleinen Anpassungen - vielleicht überraschend plausibel erscheinen. Digitale Farbtools, KI-gestützte Analysen, dezentrale Mini-Labs, neue Angebotsmodelle. Nach und nach ordnen sich die Einfälle zu Clustern: digitale Lösungen, Daten und KI, Prozessanpassungen, Logistik, Kommunikation, Marke. "Es ist unglaublich, zu sehen, wie viele Ideen und Lösungsansätze hier in so kurzer Zeit entstehen", staunt Sebastian Grafe. Cross Innovation sei für ihn ein neues Vehikel, das er gerade zum ersten Mal ausprobiere. "Ich halte es für eine tolle und sehr wirkungsvolle Methode, um neue Ansätze zu entwickeln, die aus dem Unternehmen selbst heraus sonst so nicht zum Tragen gekommen wären. Durch die Kürze der Zeit und das intensive Bearbeiten der Problemstellung wirkt es fast wie eine Teambuilding-Maßnahme", lacht der Thüringer. In der zweiten Hälfte des Workshops wählt Sebastian Grafe gemeinsam mit seinem Team zwei Ansätze aus. Das Kreativteam teilt sich in zwei Gruppen und arbeitet diese aus – und entwickelt zwei konkrete Konzepte, die den bisherigen Ablauf der Farbbemusterung grundlegend neu denken.

Bei GRAFE in Blankenhain

Wenn aus Ideen Entscheidungen werden

Am Ende des Tages steht Sebastian Grafe vor dem Flipchart und betrachtet die beiden ausgearbeiteten Lösungsansätze. Einer der Ansätze kommt ihm vertraut vor. Mit genau dieser Richtung beschäftigt sich das Unternehmen seit Längerem: die systematische Nutzung der Muster- und Datensätze, die GRAFE über 35 Jahre aufgebaut hat. In Teilen ist das bereits angestoßen worden, doch nicht mit dem Erfolg, den er sich erhofft hatte. Dass ausgerechnet das interdisziplinäre Team diesen Weg – noch konsequenter gedacht – herausgearbeitet hat, bestärkt ihn. Vielleicht, meint Grafe, ist genau das der Weg: nicht neu anfangen, sondern konsequenter werden. Zugleich hat die Gruppe den Scheinwerfer auf zwei Aspekte gerichtet, die bislang zu wenig Beachtung fanden: Der Prozess muss kommunikativ begleitet werden – nach innen wie nach außen.

Für Grafe ist das mehr als ein Workshop-Ergebnis. »Für mich ist ganz klar: Ich sehe uns als Technologieführer am europäischen Markt. Das erreicht und hält man nicht, indem man stillsteht. Wenn wir nichts Neues versuchen, nicht manchmal scheitern, können wir nicht vorankommen.« Und er ist überzeugt: »Was viele Unternehmen langfristig vorantreibt, ist kreativer Input von außen. Das kann etwas Kleines oder ein komplettes Umdenken sein. Für jedes Unternehmen kommt der Moment, in dem man den Status Quo hinterfragen und die Richtung ändern muss.« An diesem Tag in Blankenhain weht dieser frische Wind spürbar durch den Raum.

Wirkung über den Einzelfall hinaus

Nicht nur bei GRAFE hinterlässt der Austausch Wirkung. Auch im Netzwerk selbst entstehen neue Impulse. Die gemeinsam entwickelten Ansätze eröffnen Perspektiven, die über das konkrete Fallbeispiel hinausreichen. »Das Spannende an diesen Prozessen ist, dass sie in verschiedene Richtungen wirken«, sagt Claudia Große-Leege, Lead Community im KreativBund. »Durch den Austausch zu konkreten Fragestellungen lernen sich Unternehmerinnen und Unternehmer noch besser kennen. Diese Beziehungstiefe schaffen konventionelle Netzwerktreffen nicht im Ansatz.« Unternehmen entdeckten neue Wege der Kollaboration, der Austausch werde intensiver und nachhaltiger – und viele der Impulse ließen sich unmittelbar in die eigene strategische Arbeit übertragen.

 Die Reise des Unternehmens_forums geht weiter: Am 10. Juni trifft sich das Netzwerk in Hamburg erneut zum Workshop – dann wird alles im Zeichen des Handels stehen.

Redaktion: Caroline Kraft
Fotos: Susann Nürnberger

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