Wie in Netzwerken Innovationskraft entsteht

Die Voraussetzungen und der Mehrwert strategischer Zusammenarbeit über Unternehmensgrenzen hinweg

Maschinenraum Space

Die Komplexität unternehmerischer Herausforderungen hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Fachkräftemangel, Digitalisierung und künstliche Intelligenz verändern Geschäftsmodelle, neue Regulatorik erhöht den Compliance-Druck, Nachhaltigkeitsanforderungen erfordern Investitionen. Dieser Druck lastet besonders schwer auf Familienunternehmen, da sie in der Regel deutlich weniger Kapazitäten haben, um den Herausforderungen zu begegnen, als Konzerne.

Es braucht also innovative Wege, um mit dieser Situation umzugehen. Einen solchen Weg zeigt der Maschinenraum – ein Ökosystem für Familienunternehmen, das systematische Zusammenarbeit über Unternehmensgrenzen, Branchen und Hierarchien hinweg zum Prinzip gemacht hat. So kann der Maschinenbauer von Digitalisierungsstrategien lernen, die im Logistiksektor längst Standard sind, während sich der Chemiekonzern von Methoden zur Personalentwicklung inspirieren lässt, die ein Tech-Unternehmen bereits erprobt hat. Wie kann das gelingen?

Wie Familienunternehmen Zusammenarbeit im Maschinenraum organisieren

Der Maschinenraum ist 2020 mit der Überzeugung gestartet, dass Familienunternehmen mehr erreichen, wenn sie ihre Kräfte bündeln. Denn sie alle stehen vor ähnlichen Herausforderungen, die sich kaum noch isoliert bewältigen lassen. Heute vernetzt das Ökosystem mehr als 80 Unternehmen, darunter Jägermeister, FIEGE Logistik, Mann+Hummel, Sennheiser und Wepa. Die Mitglieder des Maschinenraums gehören mit Umsätzen ab 300 Millionen Euro zum Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Viele sind Weltmarktführer in ihrem Gebiet, etwa die Hälfte der Mitglieder zählt zwischen 1.000 und 5.000 Mitarbeitende, ein Viertel noch mehr.

Was den Maschinenraum wirksam macht, ist der Austausch entlang von 20 funktionalen Fachbereichen, von Finanzen und Nachhaltigkeit über Vertrieb und Personal bis hin zu Kommunikation und Innovationsmanagement. Dabei haben alle Mitarbeitenden der Mitgliedsunternehmen Zugang zu den Ressourcen des Ökosystems: pro Jahr finden rund 300 Austauschformate statt. Hinzu kommen eine aktive Online-Community sowie ein Navigator-Tool, das Mitglieder gezielt mit den richtigen Ansprechpartner:innen in anderen Unternehmen vernetzt. Außerdem bietet der Maschinenraum eigene, kuratierte Angebote für seine Mitglieder, darunter unternehmensübergreifende Trainings und Formate für die Personalentwicklung, Co-Creation-Programme, Visionsentwicklung oder Strategieplanung. Überall dort, wo Unternehmen allein nicht weiterkommen, schafft das Netzwerk Bewegung.

Ein Beispiel verdeutlicht, wie Unternehmen konkret profitieren: Der Baustoffhersteller DAW hatte durch einen internen Ideenwettbewerb ein überzeugendes Konzept entwickelt: einen elektrisch leitfähigen und magnetischen Wandaufbau für flexible Raumgestaltung. Das Budget war vorhanden, doch die Umsetzung stockte. Im Maschinenraum entstand durch Formate zu Geschäftsmodell- und Teamentwicklung ein tragfähiges Konzept, Prototypen wurden gemeinsam mit anderen Mitgliedsunternehmen entwickelt und validiert. Das Ergebnis: die erfolgreiche Ausgründung des Start-ups flexfy, das ohne das Netzwerk womöglich nie über das Ideenstadium hinausgekommen wäre.

Eva Mettenmeier, Managing Director Maschinenraum

Was Netzwerkkompetenz ausmacht und bewirkt

Diese Möglichkeiten entstehen jedoch nicht von selbst. Ein Netzwerk entfaltet nur dann seine Wirkung, wenn seine Mitglieder es aktiv nutzen, die richtigen Menschen einbinden und Austausch als strategisches Werkzeug verstehen. Vertrauen, das für eine tragfähige Zusammenarbeit entscheidend ist, entsteht, wenn die Beteiligten Erfahrungen und persönliche Erkenntnisse einbringen. Offenheit ist dabei eine Voraussetzung. Gleichzeitig braucht es Strukturen und einen klaren Prozess, der regelt, wie gewonnene Erkenntnisse in die eigene Organisation getragen werden.

Ein weiterer, oft unterschätzter Effekt entsteht zudem innerhalb der Unternehmen selbst. Mitarbeitende, die sich im Maschinenraum engagieren, bringen nicht nur externes Wissen zurück, sondern entwickeln auch ihre grundsätzliche Fähigkeit, Netzwerke aufzubauen. Diese Kompetenz tragen sie zurück in die eigene Organisation. Gerade im Mittelstand sind interne Netzwerke keine Selbstverständlichkeit: Abteilungsgrenzen sind gewachsen, Wissen bleibt häufig in Silos. Externe Vernetzung kann hier als Katalysator wirken und die Organisationsentwicklung vorantreiben.

Mehr Wirkung durch das Überschreiten von Branchengrenzen

Netzwerkkompetenz gewinnt noch einmal an Wirkung, wenn sie Umfelder mit sehr unterschiedlichen Denkweisen zusammenbringt. Im Maschinenraum zeigt sich das zum Beispiel bei der Zusammenarbeit zwischen Familienunternehmen und Start-ups. Familienunternehmen kennen die Herausforderungen der Industrie; sie bringen Tiefe, Vertrauen und Zugang zu Märkten mit, die Start-ups häufig fehlen. Start-ups wiederum punkten mit neuen Perspektiven, Tempo und Technologiekompetenz.

Kooperationen zwischen beiden scheitern oft nicht am fehlenden Willen, sondern an mangelnder Anschlussfähigkeit, wenn unterschiedliche Kulturen und Sprachen aufeinanderprallen. Erst wenn beide Seiten beginnen, die Perspektive des anderen ernst zu nehmen, können echte Partnerschaften entstehen. Ein Moderator, der zwischen den unterschiedlichen Denkweisen vermittelt und dafür sorgt, dass das gemeinsame Ziel nicht aus den Augen verloren wird, kann dabei helfen. 

Warum Netzwerken für die Kreativwirtschaft von Bedeutung ist

Dasselbe Potenzial steckt in der Zusammenarbeit von Familienunternehmen mit der Kultur- und Kreativwirtschaft. Die KKW übersetzt zwischen Technologie und Anwendung, zwischen Strategie und Mensch sowie zwischen den Fähigkeiten eines Unternehmens und den Bedürfnissen eines Marktes. Sie denkt am Menschen orientiert, ist kulturell sensibel und macht neue Technologien erlebbar. All das sind Voraussetzungen für erfolgreiche Innovationsprozesse und Kompetenzen, von denen Familienunternehmen profitieren können.

Doch auch hier gilt: Es braucht Offenheit auf beiden Seiten, eine gemeinsame Sprache und einen strukturierten Prozess. Der Maschinenraum zeigt, dass genau das gelingen kann, wenn Netzwerke nicht dem Zufall überlassen, sondern als strategisches Werkzeug begriffen werden. Wo die kreative Vielfalt der KKW auf die konkreten Herausforderungen des Mittelstands trifft, können neue Ideen entstehen.