Geld als Werkzeug der eigenen Lebenszeit

Vom Spenden bis zum Impact Investing: Wie eine neue Generation von Vermögenden ihr Geld einsetzt, solange sie noch erlebt, was es bewegt.

Felix Oldenburg

Wir leben im reichsten Moment der Geschichte. Über acht Billionen Euro (Statistik Bundesbank) liegen als liquides Privatvermögen in deutschen Haushalten. Jährlich werden mehr als dreihundert Milliarden Euro (Quelle: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, DIW) in die nächste Generation übertragen.

Auch die Kultur- und Kreativwirtschaft (KKW) steht angesichts des Wunsches und gleichzeitigen Drucks von Transformation gerade vor großen Herausforderungen: Zum einen wird sie als eine der Schlüsselbranchen angesehen, die jetzt mit neuen Innovationen den Prozess nachhaltig mitgestalten kann. Gleichzeitig spüren die Akteure der KKW große Einschnitte durch KI und Multikrisen: Bühnen schließen, Magazine werden eingestellt, Festivals verlieren ihre Etats, Förderprogramme laufen aus. Wer Kreativunternehmen führt, kennt jede Förderfrist, jedes Stipendium, jeden Programmschwerpunkt der Kulturetats. In dieser Landschaft ist die Szene zuhause. Egal, ob KKW als Enabler oder Betroffene angesehen wird, stellt sich den Unternehmerinnen und Unternehmern aus der KKW die Frage der Finanzierung. Entsprechend fühlt sich der reichste Moment der Geschichte in der Kultur- und Kreativwirtschaft ganz anders an.

Die Fesseln lösen

Die Aufmerksamkeit wandert zu alternativen Finanzierungsstrategien. In den letzten Monaten häufen sich Konferenzen, Panels, Initiativen zum Thema private Mäzene. Wo der Staat seine Töpfe schließt, treten Vermögende als Adressaten ins Bild. Die Frage, wie man sie anspricht, hört man auf jeder zweiten Veranstaltung. Antworten gibt es selten. Wer im Sektor arbeitet, kann Förderanträge im Schlaf ausfüllen. Wie das Vermögen eines deutschen Erstvermögenden tatsächlich strukturiert ist, wissen die wenigsten.

Bevor man über Strategien für privates Kapital nachdenkt, muss man verstehen, wo es liegt. Denn es liegt nicht frei. Es ist gefesselt. Drei Strukturen halten es fest, und alle drei verändern sich gerade.

Was entgegnest du, wenn dir jemand sagt, spenden ist zu kompliziert?

Ein junger Tech-Milliardär kommt zu dir und sagt, er will spenden. Wie reagierst du?

Die erste Fesselung ist das Familiendogma. In den meisten Vermögensfamilien gilt der Satz: Du besitzt das Geld nicht, du verwaltest es für die nächste Generation. Wer hundert Millionen erbt, erbt selten die Freiheit, sie auszugeben. Eher das Gegenteil. Mit dem Erbe kommt der Auftrag, es zu bewahren, zu vermehren. Geben gilt als Vermögensverlust. So sehen es viele in der dritten oder vierten Generation.

Zweitens fesseln die Gatekeeper. Vermögende Familien werden von Banken, Family Offices, Steuerberatern und Anwälten umgeben. Deren Geschäftsmodell ist es, Vermögen zu sichern und zu vermehren. Schenken oder Investieren mit gesellschaftlicher Wirkung steht selten auf ihrer Agenda, und wenn, dann als Compliance-Posten. Die Erbin Paula Schwarz hat als eine der wenigen öffentlich beschrieben, wie lange es gedauert hat, bis sie in ihrer Familie überhaupt frei über eigene Mittel verfügen konnte, geschweige denn über die Frage, was damit gesellschaftlich geschieht. Das ist kein Einzelfall. Das ist Standard. Die nächste Generation darf in vielen Familien nicht einmal frei über ihre regelmäßige Apanage entscheiden. Geben in einer Größenordnung, die strukturell wirkt, liegt außerhalb des Vorstellbaren.

Drittens die juristischen Vehikel. Trusts und Stiftungen wurden für die Ewigkeit gebaut, nicht für die nächsten zehn Jahre. Die Zwecke sind unveränderlich - die wenigsten erlauben eine flexible Finanzierung von KKW-Vorhaben. Und der Wirkhebel des Kapitals ist gering: Eine deutsche Stiftung gibt jährlich etwa ein Prozent ihres Vermögens aus, oft weniger. Aus rund hundert Milliarden Stiftungsvermögen kommen also pro Jahr weniger als eine Milliarde tatsächlich an. Bei einer Kulturförderung des Bundes von 2,3 Milliarden sind das nur Brotkrümel.

Diese drei Strukturen bilden die Vermögenssicherungsindustrie. Sie verteidigt Vermögen gegen Risiko, gegen Zugriff, gegen Bewegung. Das ist kein Systemversagen. Sie ist gut darin. Sie funktioniert genau wie geplant.

Was sich ändert, ist die Eigentümerseite.

In meiner Generation denken Vermögensnachfolger um, und es sind Vermögen anderer Art entstanden. Aus Tech, aus Beratung, aus Verlagsgründungen, aus Designstudios, aus Plattformen. Sie sehen ihre Mittel als Werkzeug der eigenen Lebenszeit. Sie wollen damit etwas bewegen, solange sie es selbst erleben. Und sie kommen oft aus genau den Branchen, die Kreativunternehmen heute prägen. Sie sehen und verstehen also das Potenzial der Kreativschaffenden.

Sie suchen Resonanz. Sie suchen Wirkung. Sie wollen sehen, was mit ihrem Geld geschieht. Und sie finden nur selten den passenden Adressaten.

Neue Infrastruktur für die Kultur- und Kreativwirtschaft

Sozialunternehmen haben sich in fünfzehn Jahren ein eigenes Finanzierungsökosystem aufgebaut. Geduldiges Kapital, Mission Investing, hybride Fonds, Impact-Anleihen. Und natürlich weiterhin philanthropische Förderungen. Heute fließt dort spürbar privates Geld, weil Sozialunternehmer und Aktivisten den Vermögenden eine andere Sprache angeboten haben als die Antragsformulare öffentlicher Förderer. Eine Sprache der Wirkung, der Geschichten, der konkreten Veränderung. Hier liegt die Übertragung zur Kreativwirtschaft.

Was war das Außergewöhnlichste, das jemand in deinem Kosmos gespendet hat?

Wie fühlen sich viele Vermögende mit ihrem Geld?

Die Kreativwirtschaft hat diese Sprache schon. Sie ist Storyteller. Sie ist ästhetische Bindung. Sie ist Sinnstifterin jenseits der Excel-Tabelle. Was ihr fehlt, ist die Infrastruktur, die diese Sprache mit dem Geld zusammenbringt, das nach einer Verwendung sucht.

Genau diese Infrastruktur entsteht. Digitale Stiftungen wie bcause erlauben es, gemeinnütziges Kapital so einfach zu organisieren wie ein Bankkonto. Mit Steuerabzug, mit klarer Wirkungsorientierung, mit niedriger Eintrittsschwelle. Das ist ein Baustein. Andere kommen, hybride Fonds für Kreativunternehmen, Crowdgiving-Plattformen, Netzwerke von Family Offices für Mission-Aligned Investing. Die Vehikel werden zugänglich. Die Kreativwirtschaft kann sie nutzen, sobald sie weiß, dass es sie gibt.

Was Kreativunternehmer heute brauchen, ist eine Verschiebung im eigenen Kopf. Förderung ist nicht mehr die einzige Adresse. Sie ist eine Option. Daneben gibt es eine Generation Vermögender, die etwas zu geben hat und einen Grund sucht, es zu tun. Wer sie kennenlernt, findet geduldiges Kapital. Wer sie ignoriert, kämpft um schrumpfende öffentliche Töpfe.

Die Kürzungen werden bleiben. Die Vermögen wachsen. Wer jetzt zwischen diesen beiden Bewegungen den eigenen Zugang findet, entfesselt einen Teil des Geldes, das schon hier liegt.

 

Über den Autor:
Felix Oldenburg ist Gründer und CEO von bcause. Er arbeitet seit 20 Jahren daran, privates Vermögen für das Gemeinwohl zu mobilisieren. Der ehemalige Generalsekretär des Bundesverbands Deutscher Stiftungen und Geschäftsführer von Ashoka gestaltet darüber hinaus als Vorstand der gut.org, Publizist ("Der gefesselte Wohlstand", Econ 2025), als Handelsblatt-Kolumnist und mit dem größten persönlichen Newsletter die Debatte mit.

Mehr Infos zu Felix Oldenburg und bcause

Quellen und Links:
bcause Website
● Oldenburg, Felix: Der gefesselte Wohlstand. Wo die Milliarden liegen, mit denen wir die Welt verbessern können. Econ, Berlin 2025.
● TEDx Talk „Who Owns Our Wealth?“, TEDx Talk von Felix Oldenburg, 2025.
● Deutsche Bundesbank: Geldvermögensbildung und Außenfinanzierung im vierten Quartal 2025.
● DIW Berlin: Bis zu 400 Milliarden Euro pro Jahr verschenkt und vererbt.

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