Kollektives Träumen für die Forschung

Künstlerische Visualisierung, Sound und wissenschaftliche Analyse sind die Zutaten, mit denen Prof. Petra Ritter von der Charité und Medienkünstlerin Jessica Palmer eindrucksvoll erklären, was Forschungsinhalte und Ziele der Experimentellen Neurowissenschaften sind. Nebenbei machen sie damit auch eine Vision auf, wie es wäre, wenn wir zukünftig in gemeinsame Traumwelten abtauchen könnten. Ein Erfahrungsbericht.

Bevor die Reise startet, erhalten wir eine Einführung. Gleich würden wir Instrumente auf den Kopf gesetzt bekommen, die unsere Gehirnströme messen. Uns wird gesagt, wichtig seien dabei die Alphawellen, die bei Entspannung besonders häufig vorkommen. Muskelkontraktionen hingegen sollten vermieden werden, da sie mit den Alphawellen interferieren und in der Folge das Ergebnis nicht darstellbar machen würden. Gemeint sind damit Muskelkontraktionen wie blinzeln oder auf den Kiefer zu beißen. Während ich noch überlege, wie ich meine Augen krampfhaft offenhalten und dabei entspannen soll, gehen die Ausführungen weiter: Es ist die Rede von Edelsteinen, die wir über unsere Gedankenströme in bewegen sollten, von eigenen orchestrierten Soundspuren, von Traumwelten, die sich an unserem kollektiven Entspannungsgrad orientieren und darüber beeinflussen ließen. Hört sich alles ziemlich nach Science Fiction an.

Also genau passend zum Fiction Forum der Kultur- und Kreativwirtschaft, wo ich mich gerade befinde. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Potenziale der Kultur- und Kreativwirtschaft für die Medizin & Gesundheit“ erzählte Prof. Petra Ritter von der Charité- Universitätsmedizin Berlin im vorangegangenen Gespräch davon, wie es zur Kooperation mit der Medienkünstlerin Jessica Palmer für das Projekt „My Virtual Dream“ kam und was sie sich davon verspricht. Nun darf ich in einer Gruppe aus insgesamt vier Teilnehmer*innen den Selbstversuch starten. Wir betreten den Container und machen es uns zum gemeinsamen Träumen gemütlich.

Die Messgeräte werden angelegt

Die Sensoren müssen guten Kontakt mit der Kopfhaut haben

Die Verbindung zu “My Virtual Brain” ist geglückt

Schon bekommen wir besagte Mess-Instrumente auf den Kopf gesetzt, die an Haarreifen erinnern. Kontakte werden geprüft, die Verbindung zum Computer hergestellt. Kurz kommt mir doch der Gedanke, ob jetzt meine Gedanken gelesen werden können. Dann lehnen wir uns zurück und bekommen das Prozedere nochmal erklärt – diesmal vom Programm selbst. Während auf dem Screen an der gegenüberliegenden Wand erste artifizielle Welten entstehen und leiser Sound einsetzt, tauchen im Vordergrund vier namentlich beschriftete Edelsteine auf.

Die Reise beginnt

Die Visualisierung reagiert in vier Aspekten auf uns:

  1. Je entspannter wir sind, desto größer wird unser Stein.
  2. Wird die Entspannung noch größer, bewegt sich der Stein Richtung Bildmitte.
  3. Je näher der Stein ihr kommt, desto dominanter wird auch die eigene Soundspur.
  4. Je mehr Teilnehmer*innen entspannt sind, desto farbenfroher und paradiesischer der gemeinsame Traum.
  5. Werden die Muskeln zu viel beansprucht, bricht das Signal ab und der eigene Stein färbt sich kurzzeitig grau.

So weit klingt alles verständlich. Es geht los. Als erstes versuche ich intuitiv – wie ich es aus Filmen kenne – die Steine mit der Kraft der Gedanken zu bewegen. Das Experiment schlägt fehl. Ich scheine also doch keine telekinetischen Superkräfte zu haben. Ich fläze mich noch etwas mehr in die Kissen und wage einen neuen Versuch. Diesmal probiere ich, überhaupt nichts zu fokussieren. Und siehe da: Schon wächst der orangefarbene Juwel neben meinem Namen und beginnt sogar, sich zu bewegen.

Meine Mit-Träumer*innen scheinen auch langsam in die Funktionsweise hineinzufinden und so beginnen sich die Welten vor uns zu visualisieren. Klar erkennbare Umrisse von Figuren, Objekten und Farben mischen sich miteinander. Die künstlerischen, collagenartigen und farbintensiven Szenarien erzeugen einen regelrechten Sog. Immer öfter gelingt es uns, “uns” in der Bildmitte zu tummeln. Ich stelle fest: Sobald zwei von uns dem Ziel relativ nahekommen und die jeweiligen Soundspuren sich zu einem wohligen Klang vermischen, entspannen auch die anderen zwei etwas mehr. Ich schließe daraus, dass sich Entspannung also offenbar potenziert. Solche Beobachtungen werde ich in den weiteren Minuten noch zahlreich machen. Auch Rückschläge gibt es – zum Beispiel jedes Mal, wenn ich blinzeln muss und mein Stein sich grau und klein an den Rand des Monitors zurückzieht. Auch ein bedrohlich wirkendes Szenario durchleben wir zwischenzeitlich gemeinsam. Zum Schluss bekommen wir eine Auflistung, wie entspannt wir waren. Ich belege mit 16% den zweiten Platz.

Die Reise beginnt

Liegt "My Virtual Dream" als Datenbank zugrunde: "The Virtual Brain"

Obwohl wir in einer Gesellschaft leben, in der man dank der Digitalisierung in kürzester Zeit auf so viel Wissen zugreifen kann wie nie zuvor, ist das Gehirn für viele aufgrund seiner komplexen Abläufe nach wie vor wie eine Black Box. In der Medizin sieht das natürlich anders aus. Neurowissenschaftliche Forschungen untersuchen den Aufbau und die Funktionsweise von Nervensystemen wie dem Gehirn. Die Erkenntnisse nutzen sie, um beispielsweise die Entstehung von Emotionen und neuronale Abläufe der Wahrnehmung erklären zu können oder ganz konkret Therapiemöglichkeiten für Nervenkrankheiten wie Parkinson oder Demenz zu entwickeln.

Ein bedeutender Teil der Forschung befasst sich daher mit der Gehirnsimulation. Eine Expertin auf diesem Gebiet ist Prof. Petra Ritter von der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Gemeinsam mit ihrem Team an der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie der Charité und internationalen Partnern hat sie die Informatikplattform The Virtual Brain aufgebaut, mit deren Hilfe Prozesse im menschlichen Gehirn am Computer simuliert werden können. Um präzise Modelle zu erhalten, müssen dafür so viele Daten wie möglich von menschlichen Gehirnströmen gemessen und gespeichert werden. Doch das gestaltete sich in der Vergangenheit häufig schwierig. Medizinische Fachausdrücke sind für Außenstehende nur schwer zugänglich; eine eigene Sprache, die nur Expert*innen beherrschen. Besonders problematisch wird das, wenn Forschungsinstitutionen auf die Mithilfe von Probant*innen angewiesen sind. Da für Laien schwer zu verstehen ist, was Neurowissenschaftler*innen tun, ist auch die Bereitschaft nur eingeschränkt gegeben, eigene Daten für die Forschung zur Verfügung zu stellen.

Liegt "My Virtual Dream" als Datenbank zugrunde: "The Virtual Brain"

In ‚My Virtual Dream‘ werden Sie zum Darsteller; mit Hilfe Ihrer Gehirnströme kreieren Sie eine atemberaubende Performance aus Visuals, Sounds und Musik, die alle in Echtzeit und live projiziert werden. […] Ausgehend von den fünf Hauptfrequenzen der Gehirnströme der Träumer werden die wie Erinnerungen gespeicherten Kunstwerke zu einer kraftvollen visuellen Traumlandschaft nachgebildet.

Beschreibungstext von "My Virtual Dream"

Doch dann stieß Prof. Petra Ritter bei einem Festival auf die Medienkünstlerin Jessica Palmer und entwickelte mit ihr das Projekt „My Virtual Dream“. Für die immersive Installation zwischen Wissenschaft, Kunst und Musik verbinden sie wissenschaftliche Studien mit künstlerischer Visualisierung und entwickelten so eine neue Sprache für die neurowissenschaftliche Forschung.

In ‚My Virtual Dream‘ werden Sie zum Darsteller; mit Hilfe Ihrer Gehirnströme kreieren Sie eine atemberaubende Performance aus Visuals, Sounds und Musik, die alle in Echtzeit und live projiziert werden. […] Ausgehend von den fünf Hauptfrequenzen der Gehirnströme der Träumer werden die wie Erinnerungen gespeicherten Kunstwerke zu einer kraftvollen visuellen Traumlandschaft nachgebildet.“, ist auf der Webseite zum Projekt zu lesen. Grundgedanke ist, die gemessenen Signale in eine visuelle Sprache zu übersetzen, wie sie aus Filmen oder Videospielen bekannt ist. Dadurch wird den Probant*innen ein Zugang zu dem Thema ermöglicht, der über die wissenschaftliche Sprache der Medizin nicht gegeben ist. Ziel ist es, auf diese Weise über die Arbeit der Neurowissenschaften aufzuklären und die Bereitschaft zu erhöhen, an der Forschung teilzunehmen, damit neue Erkenntnisse über das Gehirn gewonnen werden können.

Während sich meine Mit-Träumer*innen beeindruckt von dem Entspannungslevel des „Siegers“ zeigen, schließt sich sofort eine Diskussion an, welche Strategien jeweils verfolgt wurden, um den Stein zu bewegen. Theorien über mögliche Zusammenhänge haben alle von uns aus ihren Erfahrungen gezogen: „Ich konnte mich nicht richtig entspannen, solang ich die Augen offen halten sollte, deshalb habe ich sie irgendwann einfach geschlossen, wie beim Träumen sonst auch“, sagt eine Teilnehmerin, „den deutlichsten Effekt habe ich gesehen, als ich an meinen Hund gedacht habe“, wirft eine andere ein.

Nicht als abstrakte Spuren..

…sondern als klare Welten werden in “My Virtual Dream” die Gehirnströme visualisiert

Auch stellt sich erneut die Frage, wie das nun eigentlich alles genau funktioniert und wie was beeinflusst wird. Diesmal ist es aber anders: Während wir vorher alle komplett themenfremd waren und teilweise auch etwas vorsichtig/skeptisch bei dem Gedanken, dass unsere Gehirnströme gemessen und unsere Träume visualisiert werden würden, sind wir durch die gemeinsamen Erlebnisse nun viel neugieriger. Durch die von Jessica Palmer entworfenen Bilder konnten wir zu unseren eigenen Gehirnströmen, die sonst nur als mehr oder weniger nervöse Zickzack-Spuren aufgezeichnet werden (ganz zu Beginn haben wir sie gesehen), einen ganz anderen Bezug gewonnen. Statt abstrakter Darstellungen konnten wir in die Visualisierungen eintauchen und haben einen viel emotionaleren, körperumfassenden Zugang zum Thema gefunden.

Erneut wird uns erklärt, dass bei Entspannung die Alpha- und Beta-Wellen im Gehirn mehr Spitzen hätten und diese dann jede Performance abhängig von den individuellen Zuständen der Teilnehmer*innen zu einer Uraufführung machen. Was Alpha-Wellen nun ganz genau sind, wie sie entstehen, wie sie gemessen werden und was sie im Gehirn bewirken, habe ich natürlich trotzdem nicht im Detail verstanden, aber das ist ja auch nicht mein Gebiet. Eine leise Ahnung davon, was Neurowissenschaftler*innen tun und was in der Zukunft möglich sein könnte habe ich aber bekommen. Ein bisschen Magie ist also für mich immer noch dabei, wenn es um Abläufe im Gehirn geht. Aber das ist vielleicht gar nicht schlecht.

Credits

Text: Wiebke Müller

Fotos: Gerngross Glowinski Fotografen

Anstehende Veranstaltungen

  1. InnovationCamp ANZETTELN

    21. November @ 16:00 - 23. November @ 16:00
  2. Was kommt jetzt? Impulse aus der Kultur- und Kreativwirtschaft

    10. Dezember @ 13:00 - 22:00

Credits

Text: Wiebke Müller

Fotos: Gerngross Glowinski Fotografen