Die Bemessung von Kreativität

Man war sich einig auf der Internationalen Fachkonferenz 2019 zum Thema „Zukünftige Relevanz der Creative Economies – Bekannte und neue Narrative“: Die Bedeutung und Förderungswürdigkeit der Kultur- und Kreativwirtschaft steht außer Frage, aber lässt sich nicht ausschließlich nach volkswirtschaftlichen Prinzipien bemessen. Dass die Unterschiedlichkeit zwischen Kreativen, Wirtschaft und Verwaltung und ihren Logiken hierbei eine Hürde sein mag, die jedoch überwunden werden kann, wurde im Verlauf des Tages deutlich: „Wir brauchen nicht ein weiteres Narrativ, wir müssen die Potenziale der bereits bestehenden Narrative heben.“

Im Publikum widerspricht niemand, als der Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich die Lage der Kultur- und Kreativwirtschaft (im Folgenden mit KKW abgekürzt) am späten Nachmittag eines langen und intensiven Konferenztages als einen Wandel konstatiert, der „einer Revolution“ gleiche. „Social Media ist wenige Jahre alt, die Digitalisierung ist 10 Jahre alt und das Internet ist 20 Jahre alt – und wie folgenreich die Möglichkeiten dieser Revolution sind, zeigt nicht nur der Wandel eines Kreativitätsnarrativs, demzufolge jeder Mensch ein*e Künstler*in oder Schöpfer*in geworden ist.“

Rund 280 Akteur*innen aus Kultur- und Kreativwirtschaft aus dem In- und Ausland sowie Entscheidungsträger*innen des öffentlichen und privaten Sektors waren anlässlich der Internationalen Fachkonferenz 2019 zusammengekommen. Und wer sich klarmachte, dass eine Revolution ein grundlegender und nachhaltiger struktureller Wandel eines oder mehrerer Systeme ist, der einige Zeit in Anspruch nimmt, dem dürfte dieses Bild auch ein wenig Last von den Schultern genommen haben. Schließlich war man an diesem ungewöhnlich kalten 30. Oktober in der Kalkscheune Berlin dem Ruf des Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes (KKKW) gefolgt, um bekannten Narrativen neue Narrative zur zukünftigen Relevanz der Creative Economies entgegenzusetzen.

Strukturwandel in den Städten

Ein besonders eindrückliches neues Narrativ, das Ullrich später als „die Markierung einer neuen Phase der Kulturgeschichte“ konstatierte, veranschaulicht die italienische Keynote-Speakerin Francesca Bria. Als ehemalige Chief Technology and Innovation Officer der Stadt Barcelona hat sie deren Übergang zu einer „Smart City“ eingeleitet, der nicht von Technologie und digitalen Plattformen getrieben war. Leitgebend in diesem Prozess war die Frage: „City for whom?“ und „Smart for whom?“. Die „City“ sollte vor allem „smart“ für seine Bürger*innen sein und – „nach dem Bottom-up-Prinzip“ – von ihnen gesteuert werden.

Das „Smartwerden“ dieser am zweitdichtesten besiedelten Millionenstadt Europas, das ja nicht nur ihr „Digitalwerden“, sondern auch die Nutzbarmachung dieser Digitalität umfasst, hat Bria in vielen verschiedenen Einzelprojekten sowohl auf strukturellen als auch auf institutionellen Ebenen umgesetzt: Diese Projekte berühren, so zählt sie auf, „den Wohnungsbau, das Gesundheitssystem, die Mobilität, die erneuerbaren Energien, Grünflächen und Klimawandel“. Das Besondere an diesem Digitalisierungs-Shift: „Diese Projekte fußen auf der digitalen Souveränität und kollektiven Intelligenz seiner Bürger*innen sowie deren demokratischer Teilhabe und Kontrolle.“ Denn, und darin liegt die Überwindung eines bekannten Narrativs hin zu einem Neuen: „AI grows and will rule our future. And we all need to implement public control and democracy over time, if we do not want to be ridden by AI.”

Dass Bria das Modell einer smarten City inzwischen als Senior Adviser der Vereinten Nationen auf globaler Ebene umsetzt, spricht vor allem für die Machbarkeit und Zukunftsfähigkeit eines solchen Modells. Gleichzeitig verdeutlicht es die dafür notwendigen Voraussetzungen: die Bereitschaft zu einer strukturellen und institutionellen Veränderung (vor allem seitens der öffentlichen Hand) oder die Komplexität und Kostspieligkeit einer solchen Transformation. Es zeigt weiterhin, dass Akteur*innen aus allen Feldern – Bürger*innen ebenso wie öffentliche und private Hand, Wissenschaft ebenso wie Technologie und Kunst – Transformation gelingen kann, und zwar umso nachhaltiger, je mehr Interessengruppen sich beteiligen.

Forschungsgegenstand Creative Economies

Die Nutzer*innenperspektive – das Beispiel von Barcelona, also die Bürger*innen und das Digitale – entspricht auch dem Vorschlag von Simon Grand und Christoph Weckerle, die mit ihrem Creative Economies Research Venture an der Zürcher Hochschule der Künste rund um die Creative Economies forschen – unter anderem als Forschungspartner des KKKW. So plädiert Grand für den Blick in beide Richtungen: „Es geht darum, das Verbindende der KKW ebenso zu sehen, wie es darum geht, dass Singuläre aller einzelnen Akteur*innen und jeder einzelnen Position zu betonen. Das kann beispielsweise gelingen, wenn man die Nutzer*innenperspektive in den Fokus nimmt: Wie sieht die Wertschöpfung der KKW aus deren Sicht aus?“ Zur Veranschaulichung weist er darauf hin, dass die Wirkung im „Mainstream“ als Ergebnis der KKW ebenso wichtig sein kann wie die „Einzigartigkeit“ eines Produktes oder eines Projektes.

„Es geht darum, das Verbindende der KKW ebenso zu sehen, wie es darum geht, dass Singuläre aller einzelnen Akteur*innen und jeder einzelnen Position zu betonen. Das kann beispielsweise gelingen, wenn man die Nutzer*innenperspektive in den Fokus nimmt.”

Christoph Weckerle & Simon Grand, Creative Economies Research Venture Zürich

Weckerle ergänzt: „Zu neuen Erzählweisen gelangen wir, indem wir differenzieren: Sprechen wir über die KKW als eine Ökonomie oder als Teil einer viel breiter verstandenen Wirtschaft, welche auch Schnittstellen zu Wissenschaft, Gesellschaft oder Politik in den Blick nimmt? – Je nach Schnittstelle ergeben sich nämlich lediglich Spillover oder neue, alternative Lösungsansätze. Erwartet man von der KKW Wachstum oder erwartet man Innovationskraft? – In der KKW schließt das eine das andere in der Regel aus. Will man mit seiner Förderung erreichen, dass Bestehendes wächst oder das etwas Neues und Unbekanntes entsteht? – Die KKW kann beides, aber letzteres ist risky. Reden wir darüber, wie die KKW sich selbst beschreibt oder darüber, wie sich die KKW für Außenstehende beschreiben lässt? – Je nach Perspektive werden die Antworten anders ausfallen.“ Mit anderen Worten ist es eine Qualität der Creative Ecomomies, als Phänomen ständig in Bewegung zu sein und sich einem „View from Nowhere“ zu entziehen.

Die Auseinandersetzung mit der Realität

Wie hilfreich nun können neue Narrative im Berufsalltag der Teilnehmer*innen der Internationalen Fachkonferenz sein? In den fünf Workshops, zu denen sich die Akteur*innen am Nachmittag für je zwei Stunden zurückzogen, hatten – ob diese über das Innovationspotenzial, Globalisierungs- oder Innovationsstrategien, mögliche Schnittstellen zum Mittelstand oder über die Nutzung von Daten als neue Form der Vermessung sprechen – zeigt sich: sie könnten sehr hilfreich sein. Es ist frappierend, wie gleichartig die Bedürfnisse sind, die aus der täglichen Arbeit im Kontext der Kultur- und Kreativwirtschaft resultieren.

Die Aussage einer Teilnehmerin aus der Region München ist beispielhaft für eine Meinung, die häufig wiederholt wurde: „Die gängige Klassifikation der Kultur- und Kreativwirtschaft als Branche mit x Teilmärkten blendet die Vielgestaltigkeit der dort stattfindenden Aktivitäten aus. In meinem Arbeitsalltag bin ich für die Förderung von Kreativprojekten auf kommunaler Ebene zuständig. Entweder sind die Projektideen nicht eindeutig in bestehende Teilmärkte zuzuordnen, oder aber die Beantragung der Förderung zieht sich über ein Jahr und länger, weil die Fördersumme über 10.000 Euro liegt.“

Neue Förderstrukturen haben Dringlichkeit

Dr. Christian Rauch, Gründer und Betreiber des Festivals, der Galerie und der Agentur STATE, berichtet aus dem von ihm geleiteten Workshop zu den Innovationspotenzialen der KKW: „Wir haben diskutiert, wie der Staat von seinem Engagement und den Investitionen in die Kultur- und Kreativwirtschaft profitieren kann, nicht nur kulturell und gesellschaftlich, sondern auch finanziell. Die Teilnehmenden waren sich einig: Finanzielle Wertschöpfung lässt sich in der KKW in der Regel erst messen, nachdem der Staat das Scheitern belohnt, die Ergebnisoffenheit gefördert und Innovation begleitet hat.“ Eine Mitarbeiterin aus der Bundesagentur für Arbeit wirft ein: „Meinem Eindruck nach sind Ministerien zur Förderung bereit, nur wissen sie nicht, wie Förderinstrumente aussehen könnten. Da könnte ein Blick ins Ausland helfen, zum Beispiel nach Frankreich, wo sich jede*r Künstler*in im Gegenzug für ihre*seine Förderung verpflichtet, ein Kontingent an Lehre zu leisten.“

“Vom Tellerwäscher zum Millionär, der Wettlauf zum Mond – das sind Narrative, die viele Dimensionen von der Superwoman bis hin zu armen Poet*innen umfassen. Wie können wir zu einer Beschreibbarkeit der Kultur- und Kreativwirtschaft kommen?”

Sylvia Hustedt, Projektleitung Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes

In dem Workshop, der die Zukunftsbranche KKW behandelt, angeleitet vom Philosophen Jens Badura, leistet Sylvia Hustedt ein bildmächtiges Intro, als sie sagt: „Vom Tellerwäscher zum Millionär, der Wettlauf zum Mond – das sind Narrative, die Dimensionen von Superwoman bis hin zu armen Poet*innen umfassen. Wie können wir zu einer Beschreibbarkeit unserer Branche kommen? Wie kann das, was wir können, auch begrifflich gerahmt werden: in dem gleichzeitig das Spezifische, die Andersartigkeit und die Zukunftsfähigkeit der Branche eingeschlossen sind?“ Im Ergebnis problematisierten die Teilnehner*innen die Verengung auf den Begriff der Innovation. Jens Badura: „Was die Förderung der Kultur- und Kreativwirtschaft betrifft, wurde die Idee einer transdisziplinär und qualitativ ausgerichteten Förderstruktur laut. Es braucht ein breites Spektrum an qualitativen Kriterien und einen Kompetenzaufbau für die Einschätzung von Konzepten, unternehmerischen Strategien und Ergebnisrelevanz kultur- und kreativwirtschaftlicher Aktivitäten.“

Am Ende des Tages hallt die eingangs gestellte Frage von Staatssekretärin Claudia Dörr-Voß nach: „Wie, wenn nicht in Zahlen, kann man die volkswirtschaftliche Bedeutung der Kultur- und Kreativwirtschaft messen?“ Und man darf nach diesem Tag zu dem Schluss gekommen sein: Es gilt zu akzeptieren und nicht länger zu diskutieren, dass die KKW aus ministerieller Sicht nie wie „die richtige Wirtschaft“ zu bemessen sein wird. Und traut man Ullrichs These von einem bereits eingeleiteten Umbruch der Kulturgeschichte, dann kann und wird diese Irritation eines Tages überwunden sein. Auf dem Weg dorthin – Weckerle wirft humorvoll die Idee eines „Post-Ministeriums“ (analog zu Konzepten wie Post-Wachstum) auf – ist die statistische Darstellung gefordert, die Dynamik von Modellen und Mapping-Methoden mit Open und Web Data ebenso wie verschiedenste Erzählweisen. Nur in der Summe können diese Formen der Erhebung einen substantiellen Beitrag leisten, wenn es darum geht, die unsteten und risikobehafteten Kontexte der Creative Ecomonies abzubilden.

Credits

Text: Katharina Nill

Fotos: William Veder

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  3. Post-Corona-Programme und Maßnahmen zur Stärkung der Kultur- und Kreativwirtschaft II

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Text: Katharina Nill

Fotos: William Veder