Kulturförderung? Machen wir nicht!

„Es geht uns nicht um Förderung, es geht uns um Investitionen“, sagen Sylvia Hustedt und Christoph Backes, die Projektleiter des Kompetenzzentrums Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes. Das Kompetenzzentrum stellt den klassischen Fördergedanken auf den Kopf und arbeitet daran, Plattformen zu etablieren, die es erfolgreichen, außergewöhnlichen und ideenreichen Kultur- und Kreativunternehmern ermöglichen, ihr Potenzial in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft einzubringen und dadurch die Zukunft mit zu gestalten.

„Kulturförderung ist notwendig und muss auch unbedingt sein“, betont Christoph Backes, Leiter des Kompetenzzentrums Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes. Gemeinsam mit Sylvia Hustedt, mit der er das u-institut gegründet hat, ist er seit über zehn Jahren für die Kultur- und Kreativwirtschaft tätig. Aber Kultur ist nicht gleich Kultur. Die Möglichkeiten der Förderung und Unterstützung müssen so vielfältig sein wie das Feld selbst. Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist ein Bestandteil dieses Feldes und das Expertengebiet von Sylvia Hustedt und Christoph Backes.

„Die Kultur- und Kreativunternehmer, mit denen wir schwerpunktmäßig arbeiten, repräsentieren die Branche als Akteure, die sich nicht als förderbedürftig betrachten, sondern die ihre Potenziale in neuen Feldern einbringen möchten.“

Sylvia Hustedt

Überraschend ist vielleicht, dass es vielen in der Branche nicht um klassische Förderung geht, sondern darum, wie und wo sich die Branche noch stärker einbringen kann. Das betrifft die Themen Bildung – vom Kita-Kind bis zur Berufsausbildung und Weiterqualifizierung – die Chancen des Handwerks oder Maßnahmen zur vereinfachten Internationalisierung von Klein- und Kleinstunternehmern, um nur ein paar zu nennen. „Die Kultur- und Kreativunternehmer, mit denen wir schwerpunktmäßig arbeiten, repräsentieren die Branche als Akteure, die sich nicht als primär förderbedürftig betrachten, sondern die ihre Potenziale in neuen Feldern einbringen möchten“, erläutert Sylvia. „Hier sehen wir eine Möglichkeit, das Netzwerk und die Plattform anzubieten, die das möglich machen.“

Workshop Zukunft der Gesellschaft, Anfang Mai 2017

Pro Jahr steht das Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes gemeinsam mit dem Kooperationspartner Kultur- und Kreativpiloten persönlich mit weit über 20.000 Menschen in Kontakt. Damit ist die Arbeit des Kompetenzzentrums ein wesentlicher Bestandteil der Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung, die sich aus Referatsmitarbeitern des Bundeswirtschaftsministeriums und der Beauftragten für Kultur und Medien zusammensetzt. „Die Initiative erhält jährlich 2,7 Mio. Euro für ihre Arbeit“, erläutert Sylvia. „Das ist sehr wenig im Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen.“

Darüber hinaus scheint es auch eine Frage des Blickwinkels zu sein: „Die öffentlichen Mittel, die in andere Branchen fließen, heißen dann Investition und gelten nicht als Förderung, wie es immer noch bei der Kultur- und Kreativwirtschaft der Fall ist.“

Dabei ist die Kultur- und Kreativwirtschaft in den vergangenen 10 Jahren schon weit gekommen. „Wir waren 2006 die ersten, die wissenschaftlich Analysen in die Tat umgesetzt haben“, erklärt Christoph zurückblickend auf die Anfänge in Aachen, wo sie das erste Gründerzentrum für die Kultur- und Kreativwirtschaft eröffneten. „Damals haben wir den Grundstein für den Aufbau einer spezifischen Beratungsmethodologie für die Kultur- und Kreativwirtschaft gelegt.“ Auf dieser Basis wurde später das erste Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes gegründet, dessen Aufgabe es war, acht regionale Anlaufstellen in ganz Deutschland aufzubauen. „Was wir damals eingeführt haben, hat in den regionalen Anlaufstellen, die es mittlerweile in ganz Deutschland gibt, heute noch Bestand“, betont Sylvia weiter.

Workshop Zukunft der Gesellschaft, Anfang Mai 2017

Brigitte Zypries im Mai 2017 beim Fellows-Frühstück

Mit dem Kompetenzzentrums-Doppeldeckerbus vor dem Bundestag

Netzwerken in der Jägerstraße 65

Schulterblick im April 2016 mit Monika Grütters

Dass die Branche in ihrer Bruttowertschöpfung zwischen der Chemie- und Automobilindustrie angesiedelt ist, dass 1,6 Mio. Erwerbstätige aus den Branchen der Kultur- und Kreativwirtschaft stammen und die Innovationsquote bei über 50 Prozent liegt, wissen vor allem auch Entscheider, Multiplikatoren und Unternehmer großer anderer Branchen gut zu nutzen. „Was wir mit unserer Arbeit erreichen, ist, die Potenziale der Unternehmer aus der Kultur- und Kreativwirtschaft sichtbar zu machen und es ihnen zu ermöglichen, diesen Mehrwert weiterzugeben“, unterstreicht Christoph. „Deshalb sprechen wir mit Politikern, veranstalten pro Jahr rund 80 Events, die Leute an einen Tisch und vor allem zusammen ins Machen bringen, und arbeiten mit unserem 100köpfigen Fellows-Netzwerk eng zusammen.“

Die 100 Fellows sind ein gutes Beispiel für die Arbeitsweise des Kompetenzzentrums. Das Netzwerk trifft sich ca. zwei bis drei Mal pro Jahr und steht mit dem Transferteam des Kompetenzzentrums im engen Austausch. Das letzte Treffen fand in Berlin auf Wunsch der Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries statt, die sich mit den Experten über Chancen und Perspektiven der Kultur- und Kreativwirtschaft unterhalten wollte. „Durch die Fellows haben wir die Möglichkeit, Trends frühzeitig zu erkennen und den Bedarf in der Kultur- und Kreativwirtschaft für die Zukunft zu ermitteln“, erklärt Christoph. „Zum Beispiel konnten die acht Themen, die Gegenstand des aktuellen Projekts PHASE XI sind sowie die Schwerpunkte der zwei noch ausstehenden Innovation Camps in Bremen und Heilbronn definiert werden.“

„Wir entwickeln gemeinsam mit Akteuren und Multiplikatoren das Bild der Kultur- und Kreativwirtschaft, wie sie zukünftig wahrgenommen werden wird.“

Christoph Backes

Dass 2017 mit PHASE XI – der Expedition mit der Kultur- und Kreativwirtschaft durch Deutschland – und den Innovation Camps in Bremen und Heilbronn zwei neue Projekte mit der Kultur- und Kreativwirtschaft umgesetzt werden können, liegt daran, dass die Arbeit des Kompetenzzentrums in Berlin Früchte trägt: Ende 2016 entschied der Haushaltsauschuss des Bundestages in seiner abschließenden Bereinigungssitzung, dass 5 Mio. Euro zusätzlich in die Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft fließen sollen. „Wir haben den Rat des damaligen Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel befolgt und sind 2016 gemeinsam mit Akteuren der Kultur- und Kreativwirtschaft verstärkt auf Politiker zugegangen“, erläutert Christoph Backes. „Für Zukunftsthemen wie nichttechnische Innovation und Digitalisierung werden die Kultur- und Kreativwirtschaftler deutlicher als wichtige Partner wahrgenommen.“

Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist eine Zukunftsbranche, die sich selbst nur zum Teil als Branche versteht. Genau darin liegt möglicherweise auch ein Teil ihres Potenzials: in dem sie nämlich mit  vordefinierten Kriterien und Mustern bricht. Diese heterogenen Potenziale schaffen Mehrwert – dafür wünschen sich viele Akteure eine bessere Wahrnehmung und Vertrauen in neue Wege.„Was wir für die Unterstützung der Kultur- und Kreativwirtschaft brauchen, sind die aktiven erfolgreichen Unternehmer und Unternehmerinnen aller Branchen, die sich als Gestalter und Partner in neue Kontexte einbringen wollen. Dazu eignen sich Netzwerke, Mittler, Plattformen und herausragende Projekte, die das spezifische nichttechnische Potenzial der Akteure aufzeigen. “, erklärt Christoph. „Gemeinsam mit den unterschiedlichsten Akteuren und Multiplikatoren wollen wir die Sichtbarkeit der Kultur- und Kreativwirtschaft außerhalb der Kultur- und Kreativwirtschaft erhöhen.”

 

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Credits

Text: Katja Armbruckner und Wiebke Müller

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Anstehende Veranstaltungen

  1. Skalierbarkeit von Geschäftsideen in der Kultur- und Kreativwirtschaft

    26. Juli @ 12:00 - 19:00
  2. Gin & Genius

    26. Juli @ 18:30 - 22:30
  3. Was kommt nach dem Content? Workshop-Gespräche zur digitalen Zukunft der Medien (2)

    27. August @ 16:30 - 19:00
  4. Gin & Genius

    30. August @ 18:30 - 22:30
  5. 2. Fellow-Forum 2018

    20. September - 21. September

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Text: Katja Armbruckner und Wiebke Müller

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