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Supermarkt der Utopien

Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse wurden zum ersten Mal alle Prototypen und Ansätze aus PHASE XI gemeinsam präsentiert. Der Themenschwerpunkt lag dabei auf dem faithlab.

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Die Frankfurter Buchmesse ist auch 2017 ein Kosmos für sich. Unzählige Stände mit Regalen und Büchern reihen sich in den schier endlos wirkenden Hallen aneinander, dazwischen geschäftige Businessmenschen, die zielstrebig ihrer Wege gehen. Geradezu winzig kommt man sich vor bei diesem riesigen Angebot an Informationen.

Der Stand des Kompetenzzentrums befindet sich auf der Kreativwirtschaftsmesse THE ARTS+ in Halle 4.1, in guter Gesellschaft von Kunst- und Designbüchern, unabhängigen Verlagen und einer Antiquariatsbuchmesse. Die Ergebnisse und Prototypen aller Labs des Bundesprojekts PHASE XI werden hier erstmals gesammelt präsentiert. Es ist das erste PHASE XI Intro. Die Platzierung des Einkaufswagens der Zukunft (dem StoryTrolley) in der Mitte der Fläche lässt den Aufbau mit dem Design von labor fou wie einen Markt für Zukunftsideen wirken.

Der Eindruck ist gar nicht so falsch. In den vergangenen Monaten wurde die Bürokratie neu gedacht, der gemeinsame Mittagstisch revolutioniert, besagter StoryTrolley gebaut, die Glaubensfrage neu gestellt, Testmärkte getestet, ein Makerspace zur Microfactory entwickelt, Utopien der Mobilität entworfen und die Alpen gleich ganz neu erfunden. Nun schlängeln sich Universitätsprofessorinnen, Künstler, Literaturkritiker und Studierende durch die Gänge, in regelmäßigen Abständen kommt eine Gruppe ausländischer Gäste an den Stand und wagt einen Blick auf die Lösungen der acht Teams.

 

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Charaktere scannen

„Die Leute, die hierherkommen, sind sehr interessiert. Man merkt, dass ein großes Bedürfnis besteht, über solche Themen zu reden“, hält Antje Eichhorn vom Lab Testmärkte fest. In einen Laborkittel gehüllt lässt sie Gäste exemplarische Warenkörbe scannen und schätzen, was für ein Charakter hinter den Einkäufen stehen könnte.

Die Daten kommen aus der Marktforschung, wo regelmäßig Personas für die Markenführung entwickelt werden. Auch Antje ist Expertin auf dem Gebiet. Zum Team kam sie, weil sich beruflich mit Produktinnovation und User Tests beschäftigt. Trotzdem findet sie es bedenklich, wie ethische Fragen in Bezug auf Datenerhebung immer mehr in den Hintergrund geraten. Mit Daten werde immer freigiebiger umgegangen, gerade bei Start Ups beobachte sie das. Und auch die Auswirkungen der Datensammlungen wie beispielsweise durch die Payback Karte sei immer noch nicht vielen wirklich bewusst – und wohin das führen könnte, beispielsweise wenn diese Methoden auf das Personalwesen angewendet werden würden.

„Hier erspielen sich die Gäste den Zugang zum Thema und erleben, was es eigentlich bedeutet. Christoph Brosius, der für das Spieldesign verantwortlich ist, meinte neulich zu mir, dass genau das doch eine der großen Stärken der Kultur- und Kreativwirtschaft ist: undurchsichtige Sachverhalte durch neue Erzählformen zu veranschaulichen. Ich finde das ist ein guter Gedanke.“, so Eichhorn.

 

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Sinne schärfen

Auf der anderen Seite des Standes befindet sich das foodlab der FH Münster. Auch hier geht es um das Erleben. Lockte Annika Lauxtermann bei der großen PHASE XI Präsentation auf dem Runway der THE ARTS+ noch augenzwinkernd mit dem altbewährten Trick „Bei uns gibt es Schokolade!“, wird vor Ort schnell deutlich, dass es um weit mehr geht. Auf diversen Karten sind einige der vom Lab entwickelten Maßnahmen zum Trainieren der sensorischen Fähigkeiten beim Essen beschrieben –  für die „sensorische Aufklärung“, wie Martin Wurzer-Berger vom Team es nennt.

„Wir wurden auch von Menschen besucht, die sich mit Buddhismus und Achtsamkeit beschäftigen. Das war sehr interessant, anscheinend sind andere Kulturkreise in der Hinsicht deutlich weiter als unsere westlich geprägte Welt.“ Wichtig sei ihm persönlich, dass die Sinnesschärfung beim Essen nicht über moralische Gebote laufe, sondern vielmehr eine Beschäftigung des Menschen mit sich selbst sei, die als Konsequenz zu mehr Wertschätzung für Lebensmittel führe.

Und so werden weiter ganz buchmesseuntypisch minutenlang Schokoladenstücke auf der Zunge geschmolzen, Nasen beim Kosten zugehalten und ein sensorischer Riechparcours absolviert. Nur in Ausnahmen greifen überaus konditionierte Messefans zielstrebig nach dem einzigen Buch auf dem gesamten PHASE XI Stand – ein Kochbuch – was gelegentlich zu einem Grinsen bei den Anwesenden führt.

 

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Filterblasen platzen lassen

Das faithlab, auf dem der Schwerpunkt dieser ersten PHASE XI Zukunftskonferenz liegt, findet neben der ARTS+ auch auf dem von Leander Wattig und Christiane Frohne kuratierten ORBANISM SPACE statt, dem offiziellen Digitaltreffpunkt der Frankfurter Buchmesse. Mit verschiedenen Veranstaltungsformaten sollen Filterblasen sichtbar gemacht und zum Platzen gebracht werden. Zum Warmmachen lädt das Lab am Donnerstagvormittag Stefanie Lohaus vom Missy Magazine und Bastian Brauns vom CICERO zu einem Gespräch mit Croissants & Contra ein. Eines der Hauptthemen dort: Inwieweit die Ausrichtung des eigenen Mediums in die Färbung bei einer Berichterstattung (z.B. über die Situation Silvester 2015 in Köln) hineinspielt.

Als zweites Format feiert am Freitagabend die Unzumut-Bar ihre Premiere. In Zeiten von Filterblasen, in denen wir meist nur in unserer eigenen Meinung bestätigt werden, ist das Publikum aufgefordert, konträre Meinungen auszuhalten: „Argumente, die du nicht hören willst. Von Leuten, mit denen du nicht reden willst. Zum Glück gibt es Bier dazu.“

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Der Claim lässt direkte Taten folgen: Caroline Ring (Wissenschaftsredakteurin der WELT), Gerald Hensel (Gründer von Fearless Democracy) und Lucas Vogelsang (Buchautor und Reporter für WELT/WELT am Sonntag) nehmen mit ihren streitbaren Texten auf dem Podium Platz, rote und grüne Kärtchen werden als Stimmungsbarometer verteilt, Bier ausgeschenkt und das Publikum von faithlab-Mitglied Georg Dahm und Schauspieler Uke Bosse zum strukturierten Pöbeln angeheizt.

Bereits nach dem ersten Text wird allerdings klar: Der große Eklat ist hier nicht zu erwarten. Verhalten machen Gäste von ihren Kärtchen Gebrauch, vereinzelt gibt es Zwischenrufe zu hören. Gerade im Kontrast zu den heftigen Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit der Präsenz rechter Verlage andernorts auf der Buchmesse scheint die Veranstaltung doch sehr harmlos. Aber warum?

Im Nachgespräch der Autoren mit unserem Kooperationspartner detektor.fm (hier nachzuhören) führt Gerald Hensel das homogene Publikum als bedeutenden Faktor an: „Wir befinden uns nur in unserer Bubble, auch heute. Der Streit beginnt dort, wo es anfängt, wehzutun und, ganz ehrlich, da bewegen wir uns ganz selten hin, jeder von uns“. Auch bei Lesungen stehe eher im Fokus, einen schönen Abend zu haben, als eine echte Kontroverse. Als deutlichste rote Karte für den Autor, so Lucas Vogelsang, gelte dann der Moment, wenn aus Desinteresse oder Langeweile die ersten Smartphones aus den Taschen geholt würden.

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Filterblasen tatsächlich zum Platzen zu bringen scheint also nicht so einfach wie gedacht. Während die einen (wie das PHASE XI faithlab) Methoden entwickeln, wie Filterblasen sichtbar gemacht werden können, drängt sich nach den Erfahrungen auf der Buchmesse ebenso die Frage auf, ob überhaupt allen Beteiligten daran gelegen ist, sich mit „unzumutbaren“ Positionen zu beschäftigen, oder ob überprüft werden muss, inwieweit man an dieser Stelle der eigenen Filterblase auf den Leim gegangen ist. Vielleicht müssten im nächsten Schritt dann Möglichkeiten entwickelt werden, die erleben lassen, wie lohnenswert so ein inhaltlicher Austausch für alle Seiten tatsächlich ist. Auch wenn es weh tut.

 

Als nächstes werden die Ergebnisse aller Labs bei dem Intro in Dresden am 09.11. vorgestellt. Dort wird der Schwerpunkt auf den Labs Utopien der Mobilität und Microfactory liegen. Weitere Termine: 16.11. Lübeck, 21.11. Köln, 28.11. Schliersee/Neuhaus, 01.12. Berlin

Credits

Text: Wiebke Müller

Fotos: Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes

Anstehende Veranstaltungen

  1. Panel zur Fachkräftesicherung beim German Creative Economy Summit

    6. März - 7. März
  2. Wissenschaftliche Fachkonferenz 2024: Berufsbilder der Kultur- und Kreativwirtschaft im Wandel

    19. März, 10:00 - 16:15

Credits

Text: Wiebke Müller

Fotos: Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes

Wie trägt Kultur- und Kreativwirtschaft zu mehr Kreislaufwirtschaft bei?

Prinzipien aus der Natur abzuschauen hat schon viele Erfindungen hervorgebracht. Insbesondere Kreislaufsysteme der Natur sind Vorbilder für ein nachhaltigeres Leben. Die Umgestaltung unserer Wirtschaft zu einem kreislaufwirtschaftlichen System stellt jedoch eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung dar, die nur branchenübergreifend und ganzheitlich gelöst werden kann. Im Unterschied zum deutschen Begriff „Kreislaufwirtschaft“, der sich auf den Umgang mit Abfall fokussiert, ist der englische Begriff „Circular Economy“ (also „zirkuläres Wirtschaften“) bereits viel weiter gefasst und betrachtet das gesamte Produktsystem. Hier geht es um durchdachte Kreisläufe von Anfang an, die bereits beim Design von Produkten beginnt.

Innovative Ideen und praktische Ansätze für zirkuläres Wirtschaften finden sich schon seit Jahren in der Kultur- und Kreativwirtschaft, zum Beispiel in der Architektur, im Produkt- und Materialdesign, der Film- und Veranstaltungsindustrie sowie dem Modemarkt. Viele Beispiele werden Sie in diesem Magazinschwerpunkt kennenlernen können

In unserer Kurzreportage zur Kreislaufwirtschaft haben wir diesmal mit Architekt*innen Sandra Düsterhus (Point.Architektur) und Martin Haas (haascookzemmrich) über die Ansätze bei ihren Projekten in der Außen- und Innenarchitektur gesprochen und was der Fokus auf Kreislaufwirtschaft auch für die Gestaltung bedeutet.