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Freundlichkeit als Zukunft-Skill

Ein neues Gesetz soll mehr Menschen zum Arbeiten nach Deutschland bringen, damit das Land zukunftsfähig bleibt. Gleichzeitig hält die Debatte um eine Verkürzung der Arbeitszeit und eine (fehlende) Willkommenskultur in Deutschland an. Darüber hat Journalistin Deana Mrkaja mit dem Politiker und Berichterstatter des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes Hakan Demir (SPD) gesprochen.

Portrait Hakan Demir, Foto Credits: Hakan Demir

Hakan Demir im Bundestag, Credits: Hakan Demir

Sie verhandeln im Deutschen Bundestag das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz mit. Können Sie kurz erklären, was Sie gerade auf den Weg bringen?

Hakan Demir: Bereits mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz 2019 wurde beschlossen, dass unter Fachkraft nicht nur Personen verstanden werden, die einen akademischen Abschluss haben, sondern auch einen beruflichen. Diese beiden Gruppen bekommen nun die gleichen Rechte. Das war ein Novum. Jetzt nehmen wir weitere Hürden weg, vor allem für Menschen mit Berufserfahrung. Zum Beispiel die große Hürde der Anerkennung von Abschlüssen in nicht-reglementierten Berufen. Bei diesen dualen Ausbildungsberufen wird es so sein, dass wir sagen: Eine Person aus dem Ausland, die zwei Jahre eine Ausbildung gemacht und zwei Jahre Erfahrung in dem Bereich hat, kann mit einem Jobangebot nach Deutschland kommen, ohne dass der Staat den Abschluss auf Gleichwertigkeit prüft. Das fällt bei den nicht-reglementierten Berufen zum ersten Mal in unserer Geschichte weg. Das führt zu einer Beschleunigung und Abbau der Bürokratisierung in diesem Bereich.

Portrait Hakan Demir, Foto Credits: Hakan Demir

Hakan Demir im Bundestag, Credits: Hakan Demir

Der Fachkräftemangel in Deutschland ist groß. Das Gesetz erscheint eher als ein Baustein von vielen. Welche Ideen gibt es noch, um den Herausforderungen zu begegnen?

Demir: Das Gesetz ist nur eine Säule. Wir müssen auch schauen, wie wir das Erwerbspersonenpotenzial von Frauen erhöhen können oder wie wir den Übergang von Schule zur Ausbildung schaffen. Dazu haben wir das Weiterbildungsgesetz vorangebracht, das auch parallel zur Ausbildungsgarantie läuft. Es passiert also was! Auch im Bereich der Qualifizierung von Arbeitslosen oder mit der Einführung des Bürgergelds – Letzteres ist ein Punkt, der langfristig für eine Fachkräftesicherung sorgen kann, weil der Vermittlungsvorrang weggefallen ist und Menschen somit nicht in Hilfsarbeit geschickt werden. Wenn sie eine Ausbildung machen wollen, bezahlen wir diese. All diese Faktoren muss man zusammenrechnen. Die 1,98 Millionen offenen Stellen sind eine große Hürde, die wir wahrscheinlich nicht auf Anhieb nehmen werden, aber die verschiedenen Säulen zusammen werden dazu beitragen, dass wir den Fachkräftemangel minimieren.

Wir haben viele Menschen in unserem Land, die schon sehr lange hier leben und deren Abschlüsse nie anerkannt wurden. Was passiert mit ihnen? Wie wollen wir mit diesen unterschiedlichen Chancen und Zugänge zum Arbeitsmarkt umgehen?

Demir: Grundsätzlich haben wir mit dem Berufsqualifikationsfeststellungsgesetz einen Anspruch geschaffen, den Abschluss anerkennen zu lassen. In den nicht-reglementierten Berufen ist es nicht notwendig, eine Anerkennung zu machen. Trotzdem ist sie empfehlenswert, weil man dadurch meistens mehr verdient. Wir arbeiten in die Richtung, dass es mehr Musteranerkennungsverfahren gibt. Die Strukturen, die wir im Anerkennungsbereich haben, müssen auf jeden Fall gestärkt und ausgeweitet werden. Im Kontext Fachkräfteeinwanderungsgesetz haben wir jedoch den Fokus eher auf den Drittstaaten, also was passiert, wenn jemand frisch nach Deutschland kommt. Deshalb kann ich nicht so viel dazu sagen, was für diejenigen gilt, die bereits seit vielen Jahren hier sind und eine Anerkennung machen müssen. Aber da gäbe es weiterhin das entsprechende Gesetz und den entsprechenden Anspruch.

Auf der einen Seite haben wir einen Fachkräftemangel, auf der anderen Seite haben wir aber auch ein Problem bei der Chancengleichheit. Nicht jeder hat dieselben Voraussetzungen und Zugänge zur Ausbildung, zum Studium und zum Arbeitsmarkt. Beispielsweise landen Kinder, deren Eltern eine Migrationsgeschichte haben oder keine Akademiker sind, selten an einer Uni. Wie wollen wir damit umgehen, dass Chancen nicht gleich verteilt sind?

Demir: Da müsste man eigentlich viel weiter zurückschauen. Man muss in erster Linie gucken, dass man mehr soziale Gleichheit schafft. Beispielsweise müssen wir eine Kindergrundsicherung einführen, damit die Kinderarmut minimiert wird. Ich sehe das beispielsweise in Berlin Neukölln, wo jedes zweite Kind in Armut aufwächst. Da müssen wir anpacken! Später an den Schulen muss es eine gute Berufsorientierung geben. Ebenso müssen die Ausbildungsberufe attraktiver gemacht werden, indem sie besser bezahlt werden, und wir brauchen eine Ausbildungsplatzgarantie.

Lassen Sie uns noch kurz woandershin blicken. Sie selbst haben in der Vergangenheit als Journalist für das MiGAZIN, ein Fachmagazin, das sich vor allem mit Themen wie Integration und Migration beschäftigt, gearbeitet. Sie kommen also auch aus der Kultur- und Kreativbranche. Heute machen Sie etwas anderes. In welcher Weise ist es wichtig, dass heutige Fachkräfte flexibel sind? Welche Zukunfts-Skills sind wichtig?

Demir: Ich habe Journalismus nicht studiert oder ein Volontariat gemacht, sondern bin da reingerutscht. Daher denke ich, sollte man eine gewisse Offenheit mitbringen. Ich weiß zwar nicht, ob das auf jeden Beruf zutrifft, aber auch Hartnäckigkeit kann wichtig sein. Gerade in Städten wie Berlin ist es zudem von Vorteil, wenn man mehr als eine Sprache spricht. Kürzlich war ich in Kanada. Was mich dort echt begeistert hat, war die Willkommenskultur. Es gibt einfach eine grundsätzliche Freundlichkeit im Umgang der Menschen miteinander. Das würde ich mir auch hier wünschen. Freundlichkeit als Skill.

Zum Abschluss noch ein kleiner Blick in die Zukunft: Welche Zukunftsstrategie für eine neue Arbeitswelt würden Sie als Erstes einschlagen, und was würden Sie an der jetzigen Arbeitswelt sofort ändern, wenn Sie könnten?

Demir:  Natürlich würde ich mir wünschen, dass wir irgendwann mal in der Zukunft eine Vier-Tage-Woche haben. Am besten bei gleicher Bezahlung, sodass man mehr Zeit für Familie, Freunde und für Ehrenämter hat. Ich glaube, dass das eine Vision ist, die viele teilen, auch wenn es noch einige Hürden gibt, die man bis dahin überwinden muss. Die 40-Stunden-Woche haben wir seit 100 Jahren. Da stellt sich schon die Frage, ob das für immer so bleiben muss. Gleichzeitig haben wir mit der Klimaneutralität eine große Herausforderung, wofür wir viele Arbeitskräfte und Arbeitszeit brauchen. Ebenso haben wir knapp zwei Millionen offene Stellen, die besetzt werden müssen – da können wir jetzt nicht einfach die Arbeitszeit kürzen. Aber wenn die Stellen besetzt sind und wir merken, dass mehr Arbeit keine Effizienzsteigerung bringt, dann könnte man auch darüber nachdenken, die Arbeitszeit zu reduzieren. Das würde wahrscheinlich die Motivation aller erhöhen.

Das bedeutet, wir machen die Stellen voll und dann geht es in eine Vier-Tage-Woche?

Demir: Das haben Sie jetzt gesagt.

Credits

Text: Deana Mrkaja

Fotos: Jan Buchczik (Illustration)

Anstehende Veranstaltungen

  1. Panel zur Fachkräftesicherung beim German Creative Economy Summit

    6. März - 7. März
  2. Wissenschaftliche Fachkonferenz 2024: Berufsbilder der Kultur- und Kreativwirtschaft im Wandel

    19. März, 10:00 - 16:15

Credits

Text: Deana Mrkaja

Fotos: Jan Buchczik (Illustration)

Wie trägt Kultur- und Kreativwirtschaft zu mehr Kreislaufwirtschaft bei?

Prinzipien aus der Natur abzuschauen hat schon viele Erfindungen hervorgebracht. Insbesondere Kreislaufsysteme der Natur sind Vorbilder für ein nachhaltigeres Leben. Die Umgestaltung unserer Wirtschaft zu einem kreislaufwirtschaftlichen System stellt jedoch eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung dar, die nur branchenübergreifend und ganzheitlich gelöst werden kann. Im Unterschied zum deutschen Begriff „Kreislaufwirtschaft“, der sich auf den Umgang mit Abfall fokussiert, ist der englische Begriff „Circular Economy“ (also „zirkuläres Wirtschaften“) bereits viel weiter gefasst und betrachtet das gesamte Produktsystem. Hier geht es um durchdachte Kreisläufe von Anfang an, die bereits beim Design von Produkten beginnt.

Innovative Ideen und praktische Ansätze für zirkuläres Wirtschaften finden sich schon seit Jahren in der Kultur- und Kreativwirtschaft, zum Beispiel in der Architektur, im Produkt- und Materialdesign, der Film- und Veranstaltungsindustrie sowie dem Modemarkt. Viele Beispiele werden Sie in diesem Magazinschwerpunkt kennenlernen können

In unserer Kurzreportage zur Kreislaufwirtschaft haben wir diesmal mit Architekt*innen Sandra Düsterhus (Point.Architektur) und Martin Haas (haascookzemmrich) über die Ansätze bei ihren Projekten in der Außen- und Innenarchitektur gesprochen und was der Fokus auf Kreislaufwirtschaft auch für die Gestaltung bedeutet.