Der Journalismus der Zukunft braucht einen neuen Fokus

Die Corona-Pandemie hat auch die Medienkrise weiter verstärkt. Seriöse Medien bekommen immer mehr Konkurrenz von „alternativen Fakten“. Doch es gibt Auswege aus der Krise – man muss nur bereit sein, seine Strategie zu ändern. Ein Bericht von Journalistin und Zukunftsforscherin Deana Mrkaja.

Die Corona-Pandemie hat auf verschiedensten Ebenen unseres Lebens eine Krise ausgelöst. In einer solchen Zeit ist es wichtig, Orientierung zu bekommen – in Form von verlässlichen Informationen, guter Recherche und Fakten-Prüfung. Im Grunde genommen geht es um die Tugenden guten Journalismus‘. Was passiert also, wenn genau dieser durch die Krise herausgefordert wird? In den vergangenen zwei Jahren haben wir als Gesellschaft erlebt, wie Falschinformationen, Hatespeech und Reizüberflutungen durch Nachrichten dazu geführt haben, für Verunsicherungen zu sorgen, Teile der Bevölkerung gegeneinander aufzubringen und sogar Risse durch Familien zu ziehen. Die Corona-Krise ist somit auch eine Journalismus-Krise, die weitreichende Gefahren birgt. Sie ist eine Infodemie.

In der Berliner Alten Münze tauschten sich beim Medienworkshop Journalist*innen über die Zukunft des Journalismus' aus

Influencer*innen haben Reichweiten, die für klassische Medien unerreichbar sind

Doch das ist nur die eine Seite der Problematik. Vielen Redaktionen in Deutschland, gerade regionale, werden immer kleiner gespart, was auch bedeutet, dass immer weniger Zeit für echte Recherche bleibt. Gerade auch, weil sich Berichterstattung beschleunigt hat. Daneben gibt es die großen Meinungsmacher*innen im Land, die ihre eigene Agenda verfolgen. Hinzu kommen Content-Creator*innen, die sich in sozialen Netzwerken tummeln. Ihre Veröffentlichungen unterliegen keinen journalistischen Standards – stattdessen werden Meinungen und auch Falschinformationen verbreitet. Einige der großen Influencer*innen in Deutschland haben mehr als eine Million Follower*innen und somit eine Reichweite, die für viele klassische Medien unerreichbar ist.

Der Teufelskreis der Verbreitung

Polemik, Propaganda, das Spiel mit Stereotypen und Hass verbreiten sich in sozialen Medien gut und schnell. Content, der Aufmerksamkeit erzeugt, führt zu mehr Engagement und somit zu einer verstärkten Ausspielung des Inhalts. Je größer das Engagement, desto höher die Reichweite und Sichtbarkeit einzelner Inhalte und Profile. In diesem Teufelskreis der Verbreitung erreichen somit auch Fakenews irgendwann Menschen, die empfänglich sind für Verschwörungsmythen und alternative Fakten. Ebenso lassen sich vermeintlich simple Bilder in Bezug auf die Corona-Krise, wie die Einschränkung von Freiheit, einfacher verkaufen, als Solidarität zu fordern – sie sind greifbarer. Und wer einmal in einem solchen Infodemie-Kreis gefangen ist, kommt schwer wieder heraus. Neben diesen Entwicklungen steigt jedoch auch die Nachfrage nach seriösem Journalismus. Menschen wollen die Welt verstehen. Sie wollen, dass ihnen komplizierte Zusammenhänge einfach erklärt werden. Wie sieht also die Rolle des Journalismus, in einer Post-Corona-Welt aus?

In der Berliner Alten Münze tauschten sich beim Medienworkshop Journalist*innen über die Zukunft des Journalismus' aus

Martin Kaelble, informed.

Mit Strategie gegen Fake News

Beim letzten Medienworkshop des Kompetenzzentrums, der im November 2021 stattfand, wurde nach Antworten auf diese Frage gesucht. Katharina Klimkeit und Valerie Scholz haben die Plattform „Facts for Friends“ gegründet, um eine Gegenoffensive gegen die Verbreitung von Falschinformationen zu starten. Dabei bündeln sie die Ergebnisse verschiedener, bereits bekannter Faktencheck-Seiten, bereiten diese plattformgerecht auf und spielen sie dann in Kurzformaten über Instagram, TikTok und Co aus. Die beiden Gründerinnen sagen zwar, es gäbe eine Medienkrise, jedoch nicht für YouTube-Stars wie Rezo. Genau deshalb solle man sich anschauen, wie Influencer*innen ihre Abonnent*innen erreichen, und ihre Herangehensweise auch für den eigenen Auftritt nutzen.

Martin Kaelble hat eine weitere Lösung parat. Da der Trend zu Paywalls immer weiter dazu führe, dass Qualitätsjournalismus hinter Bezahlschranken bleibt, ist er gerade mit seinem Team dabei, die Plattform „informed.“ ins Leben zu rufen. Informed nimmt Interessierten die Hürde, gleich ein Abonnement einer Zeitung abschließen zu müssen. Nutzer*innen werden die Möglichkeiten haben, Berichterstattung namhafter, internationaler Medien sortiert nach Themen zu konsumieren und dafür nur einen Beitrag im Monat zu entrichten. Daneben berichtete auch die Chefredakteurin von „Krautreporter“, Lisa McMinn, davon, wie sie ihre Leser*innen bindet. In ihrem Modell können alle Genoss*innen, die die Plattform mitfinanzieren, auch mitreden. So können Leser*innen auf Themen aufmerksam machen, sich in einem Slack-Channel mit den Reporter*innen austauschen oder sogar ein Feierabendbier via Zoom mit den Journalist*innen trinken. Die Co-Moderation beim Medienworkshop übernahm das Duo von „Hermes Baby“. Die Gemeinschaft freier Journalist*innen möchte die Magnum-Fotograf*innenagentur für Autor*innen werden. Sie denken Erzähljournalismus neu, indem sie aus einer Geschichte mehrere Produkte erschaffen –  beispielsweise Theaterstücke, Ausstellungen oder Comics.

Martin Kaelble, informed.

Lisa McMinn, Krautreporter

Die Pandemie als Ideenschub

Die Pandemie hat in der Kreativbranche somit auch zu neuen Gründungsideen geführt, um den negativen Entwicklungen im Journalismus entgegenzuwirken. Viele Redaktionen haben zudem einen Digitalisierungsschub in Sachen Arbeitsumfeld erhalten. Nicht nur die Strukturen haben sich verändert, sondern auch die Inhalte. Der Trend geht weg vom klassischen Terminjournalismus hin zum Themenjournalismus. Zeitungen werden nicht mehr nur befüllt, sie kümmern sich um echte Themen. Auch der strikte Ressort-Gedanke wird gelockert, weil erkannt wurde, dass gut recherchierte Geschichten immer mehr in den Fokus rücken – und Leser*innen nach ihnen verlangen.

In Zukunft wird es für die serösen Medien wichtig sein, ein noch besseres Verständnis für soziale Netzwerke zu entwickeln. Gerade junge Zielgruppen, die als loyale Leser*innen heranerzogen werden sollen, um später auch für Inhalte zu bezahlen, werden durch nachrichtlich-journalistische Angebote nicht mehr erreicht und noch schwerer gebunden. Die JIM-Studie 2020 des Medienpädagogischen Forschungsverbands weist für die 12- bis 19-Jährigen lediglich sieben Prozent tägliche Nutzung eines Online-Angebots einer Tageszeitung aus – diese Generationen werden über soziale Netzwerke informiert. Genau deshalb braucht es einerseits den richtigen Einsatz von Social Media-Content, der plattformgerecht produziert wird. Andererseits wird sowohl der Wissenschaftsjournalismus als auch der Medienjournalismus immer wichtiger. In einer sich schnell verändernden und komplexer werdenden Welt brauchen wir gute und kritische Kommunikation über Wissenschaft mehr denn je. Sie ist in einer Demokratie unabdingbar, da wir eine Art „Common Ground“ an Informationen brauchen, um diskutieren zu können. Gleichzeitig muss die Medienbranche selbst kritisch beäugt werden. Wenn dies nicht aus der seriösen Bubble heraus geschieht, übernehmen es Mitbewerber*innen aus dem „alternativen“ Bereich. Und genau das sollte vermieden werden.

Lisa McMinn, Krautreporter

Anstehende Veranstaltungen

  1. Digitaler Auftakt Hightech & Herz

    29. September, 17:00 - 19:00
  2. Learning Journey #21 – Hybride Bühnen: Welche innovativen Techniken und Formate nutzt die Kultur- und Kreativwirtschaft schon heute?

    5. Oktober, 18:00 - 19:30
  3. Innovation Camp Hightech & Herz

    11. Oktober - 13. Oktober
  4. Learning Journey #22 – Future Skills: Wie werden zukunftsrelevante Fähigkeiten und Organisationsstrukturen in der Kultur- und Kreativwirtschaft gefördert?

    2. November, 18:00 - 19:30
  5. Learning Journey #23 – Neues Unternehmer*innenbild: Wie verändert der Purpose-Gedanke das Gründen und Arbeiten in der Kultur- und Kreativwirtschaft?

    30. November, 18:00 - 19:30

Credits

Text: Deana Mrkaja

Fotos: William Veder