Warum mehr in Köpfe investiert werden muss

"Zukunft entsteht nicht in der Theorie oder in Elfenbeintürmen, sondern in den Laboren, den Büros, in den Ateliers, den Studios, Werkstätten, auf Bühnen, den Hinterhöfen, auf der Straße, kurz: in der Praxis.", davon ist Julia Köhn, Projektleiterin des Kompetenzzentrums Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes, überzeugt. Im Kommentar erläutert sie, was für einen Re-Start der Branche gebraucht wird und warum es essenziell ist, sich mit den neuen Gesichtern in der Kultur- und Kreativwirtschaft zu beschäftigen.

Gesellschaftlicher Wandel und Transformationskraft werden gern herangezogen, um den furchtbaren Auswirkungen der Corona-Pandemie etwas Positives abzuringen. Es wäre möglich, zu erwidern, Veränderung in Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft sei Normalzustand. Nur: Gerade als Reaktion auf akute Krisen braucht es natürlich einerseits innovative passgenaue Maßnahmen und Ansätze, die stabilisieren und Impulse für nachhaltiges Wachstum setzen, andererseits aber auch neue Geschäftsmodelle, Produkte und Dienstleistungen, die auf veränderte oder neue Nachfrage und Bedarfe reagieren. Damit wir nicht nur erfolgreich die großen Herausforderungen der Gegenwart meistern, sondern als Gesamtgesellschaft positiv verändert in die Zukunft gehen.

Diese Zukunft entsteht nicht in der Theorie oder in Elfenbeintürmen, sondern in den Laboren, den Büros, in den Ateliers, den Studios, Werkstätten, auf Bühnen, den Hinterhöfen, auf der Straße, kurz in der Praxis. Dafür braucht es Unternehmen und Personen, die gestalten wollen, und zwar sowohl in Produktion als auch Dienstleistung, sowohl technologiegetrieben als auch nicht-technologisch, in jedem Fall aber mit dem Menschen im Zentrum. Denn bei aller Wichtigkeit der volks- und betriebswirtschaftlichen Analysen und der statistischen Abbildungen dieser Krise: Letztlich besteht Wirtschaft aus Menschen, nicht aus Zahlen. Dies zeigt einmal mehr die Notwendigkeit, deutlich mehr in Köpfe statt in behäbige, von Bürokratie bestimmte Strukturen zu investieren. In einer Welt, in der der Umgang mit Krisen möglicherweise eher die Regel als die Ausnahme darstellen wird, sind sie essenziell, um handlungsfähig zu sein. Denn eine zentrale Frage, die durch die Corona Pandemie noch deutlicher ins Zentrum gerückt und mit Blick auf die Vielzahl an großen Herausforderungen für die Zukunft höchste Relevanz haben wird, ist: „Wie lernen wir unter Ungewissheit und Unsicherheit zu navigieren?“

Julia Köhn beim Kongress "Re-Start & Gründung"

Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist eine Branche, die wie keine zweite erfolgreich demonstriert, dass Handeln in schwer voraussehbaren Zeiten möglich ist. Die Angebote, Werke und Produkte der Kultur- und Kreativwirtschaft werden schon immer in Handlungsfeldern und Märkten höchster Ungewissheit auf die Straße gebracht – von den Unsicherheits-Expert*innen, von Macher*innen der Branche in Tätigkeitsfeldern, die sich entlang von sich stetig verändernden Realitäten immer neu entwickeln. Aber bei all den dynamischen Fähigkeiten und der flexiblen Haltung ist eben leider auch Realität, dass die Situation der Branche in der Pandemie – insbesondere die der Soloselbständigen und der Kleinststrukturen – nicht gerade eine ruhmreiche Demonstration dafür war, wie für die so gern auch offiziell erklärten Innovationstreiber*innen und Transformations-Hoffnungsträger*innen Sorge getragen werden sollte. Und sie war leider auch keine Werbekampagne für eine Tätigkeit in dieser großartigen Branche. Die zu beobachtende Abwanderung von hochqualifizierten Akteur*innen der KKW in sicherere und z.T. schlicht besser entlohnte Arbeitsverhältnisse anderer Sektoren macht Sorge. Denn diese Personen stehen einerseits der Branche für das post-pandemische Wiederhochfahren nicht mehr zur Verfügung, was wiederum die Fähigkeit der Branche beeinträchtigt, sich schnell und nachhaltig zu erholen. Und wenn diese Personen auch langfristig nicht in die Branche zurückkehren, erhöht sich außerdem das Risiko, dass insbesondere die kleinteiligen Strukturen, die maßgeblich sind für die Innovations- und Schöpfungskraft der Branche, dauerhaft Schaden nehmen.

Julia Köhn beim Kongress "Re-Start & Gründung"

Mit großer Authentizität, Umsetzungsstärke, Offenheit und gesellschaftlich motiviertem unternehmerischen Antrieb erschaffen hier die Vertreter*innen der nächsten Generation kreativer Unternehmer*innen Geschäftsmodelle und wirtschaftliche Tätigkeitsfelder, die keine einfache Fortsetzung des Bisherigen darstellen. […]  Die entsprechenden Zugänge schaffen sich viele selbst, häufig im Quereinstieg.

Julia Köhn

Es gibt keinen Mangel an Kreativität, an Ideen und Umsetzungswillen. Selbst im krisengebeutelten Zustand zeigen die Akteur*innen einen riesigen Gestaltungswillen und die radikale Bereitschaft, für die eigene Vision einzutreten, Bestehendes zu dekonstruieren, zu überprüfen, sich auch zu täuschen und immer wieder neu und anders zu machen. Aber um die Vielfalt an Perspektiven, Fähigkeiten und Angeboten zu erhalten, die die Transformationskraft und Innovationsstärke der Kultur- und Kreativwirtschaft ausmacht, muss die Branche als Tätigkeitsfeld mit seiner besonderen durch „die Kleinen“ getriebenen Struktur attraktiv bleiben. Und auch das ist wieder eine Frage von Investment in Köpfe – sowohl in Fachkräfte als auch in Nachwuchs. Durch die Pandemie ist der Bedarf an einem neuen Wertschöpfungsverständnis, an Ansätzen und Geschäftsmodellen, welche sich nicht an der Vergangenheit orientieren, weiter gewachsen. Es lohnt sich, der Generation kultur- und kreativwirtschaftlicher Unternehmer*innen besondere Beachtung zukommen zu lassen, die aktuell in den Startlöchern stehen oder gerade beginnen, ihre Visionen umzusetzen.

Ihre Wege und ihr Selbstverständnis sind oft losgelöst von starren Ausbildungs- oder Studiengangbezeichnungen, von Bildungsabschlüssen oder Curricula, weil diese mit der Dynamik der Praxis schlicht nicht mithalten können. Mit großer Authentizität, Umsetzungsstärke, Offenheit und gesellschaftlich motiviertem unternehmerischen Antrieb erschaffen hier die Vertreter*innen der nächsten Generation kreativer Unternehmer*innen Geschäftsmodelle und wirtschaftliche Tätigkeitsfelder, die keine einfache Fortsetzung des Bisherigen darstellen. Anders als es in der Vergangenheit üblich war – sich für eines der offiziellen Berufsbilder zu entscheiden und die eigene Ausbildung zielgerichtet darauf zuzuschneiden – machen sie aus ihrem Know-How, ihren Interessen und Expertisen Tätigkeitsprofile, aus denen dann die Institutionen Berufsbilder ableiten und nicht wie so oft in der Vergangenheit, andersherum. Die entsprechenden Zugänge schaffen sich viele selbst, häufig im Quereinstieg. Der Digitalisierungsschub und die Veränderungen der Pandemie lassen vermuten, dass diese Entwicklung sich in der Zukunft weiter beschleunigt. Und das heißt im Rückschluss auch final Abschied nehmen vom unverrückbaren Glauben an lineare, institutionalisierte Ausbildungs- und Berufskarrieren und der klaren Rollen- und Machtverteilung zwischen Lernenden und Lehrenden.

Denn ohne zu verstehen, was kreative Unternehmer*innen ausmacht, was sie antreibt, was ihnen wichtig ist, was für sie Wertschöpfung bedeutet, mit welchem Mindset sie gründen und agieren, woran sie Erfolg messen, was sie motiviert, welchen Werten sie sich verpflichtet sehen, und natürlich welche Probleme und Bedarfe sie wirklich haben, ist es schwerlich möglich, effektive Maßnahmen und Programme zu entwickeln.

Julia Köhn

Insbesondere für die Kultur- und Kreativwirtschaft, in der in so hohem Maße die Praxis die Theorie treibt, ist es wichtig, Ansätze zu entwickeln, wie Lehre, Aus- und Weiterbildung, wie Möglichkeiten zu Quereinstiegen und Zwischenqualifikationen schneller und dynamischer mit der Praxisentwicklung mithalten und diese bestmöglich begleiten und unterstützen können.

Grundvoraussetzung dafür, solche Maßnahmen passgenau und nachhaltig zu entwickeln ist, sich wirklich mit der aktuellen und den zukünftigen Generationen von Akteur*innen der KKW auseinanderzusetzen, sie ernst zu nehmen, bereit zu sein, von ihnen zu lernen und ihnen Neugier und echtes Interesse entgegen zu bringen. Denn, ohne zu verstehen, was kreative Unternehmer*innen ausmacht, was sie antreibt, was ihnen wichtig ist, was für sie Wertschöpfung bedeutet, mit welchem Mindset sie gründen und agieren, woran sie Erfolg messen, was sie motiviert, welchen Werten sie sich verpflichtet sehen, und natürlich welche Probleme und Bedarfe sie wirklich haben, ist es schwerlich möglich, effektive Maßnahmen und Programme zu entwickeln.

Das gilt sowohl für den Bereich der Lehre, Aus- und Weiterbildung als auch dafür, passgenaue, flexible und praxisorientierte Rahmenbedingungen für die Kultur- und Kreativwirtschaft zu schaffen. Und dafür ist es unerlässlich, aus den Lehren und Erkenntnissen der Pandemie jetzt weitreichende Schlüsse zu ziehen. In einer Art Neu- oder Nachvermessung der Branche gilt es, die ordnungspolitischen Handlungsansätze der vielen verschiedenen Politikfelder, die eine Relevanz für die KKW haben, aufzuzeigen und daraus resultierend wirklich fortschrittliche Instrumente zur Stärkung des kreativen Ökosystems und der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Branche umzusetzen. Denn die Unternehmer*innen der Kultur- und Kreativwirtschaft wollen letztlich aus sich selbst heraus wirtschaftlich erfolgreich sein.

Anstehende Veranstaltungen

  1. Learning Journey #19: Wie sieht Innovationskraft in ländlichen Räumen aus? (Achtung: analoge Veranstaltung!)

    19. Mai @ 16:00 - 19:00
  2. Learnings aus der Pandemie

    22. Juni @ 11:00 - 18:00
  3. Netzdialog

    22. Juni @ 19:00 - 21:00

Credits

Text: Julia Köhn

Fotos: Mina Gerngross