Fashiontech und Nachhaltigkeit: Modestandort Deutschland

Auch wenn die Textilindustrie in Deutschland noch nie unbedeutend war — unser Image in Sachen Mode verblasst im internationalen Vergleich. London steht für Individualität und ungehemmten Ideenreichtum, Mailand für die Vereinbarkeit von Kunst und Kommerz und Paris, nun, dort wurde die Mode ja irgendwie erfunden und ist seit Ludwig XIV das unangefochtene Zentrum der Modewelt. Es tut sich aber eine Nische für uns auf.

Seit dem Waldsterben in den 80ern sind wir Vorreiter in Sachen Umweltschutz und was Technologie betrifft waren Produkte „Made in Germany“ immer schon glaubwürdig. Zwei Themen, die aktueller denn je sind und so besetzt deutsche Mode gerade die Schnittstelle zu Nachhaltigkeit und Technologie. Ich mache mich auf die Suche nach den Visionär*innen und Innovator*innen, die den Modestandort Deutschland - mit Berlin als Fashiontech-Zentrum - zu einem Ort der Zukunft machen.

Electrocouture

1958 schrieb Marlene Dietrich in einem Brief an ihren Couturier Jean Louis, sie wünsche sich ein Kleid, das leuchte, mit dem sie ihr Publikum überraschen könne — und wird so zur Pionierin in Sachen Fashiontech. Technisch war ihr Wunsch damals nicht umsetzbar. Heute ist er es und so erfüllt Lisa Lang mit ihrem Berliner Label Elektrocouture den Wunsch der Dietrich nach ihrem „letzten Kleid“ und verarbeitet darin 151 LEDs.

Aber Fashiontech kann viel mehr als den dekorativen Effekt. Fashiontech führt den Trend zur „smarten“, vernetzten Lebenswelt in der Mode künstlerisch und praktisch weiter, bietet Textilien, die Menschen mit Behinderungen im Alltag unterstützen oder Lösungen, die der Industrie helfen, Klima-Neutralität zu erreichen und sie einem zirkulären Wirtschaftsmodell näher zu bringen. Dafür ist der Blick über den Tellerrand der eigenen Disziplin heute unerlässlich. Für Designer*innen geht es um mehr als Stoffe und Silhouetten. „Die Aufgabe eines Fashion Designers ist es jetzt, quer durch andere ‘Welten’ zu wandern, neue Entdeckungen zu machen und diese in den tragbaren Kontext zu bringen“, sagt Lisa Lang von Elektrocouture.

Electrocouture

Fashiontech bedeutet mehr als blinkende Kleider

So können bei der interaktiven Fashiontech Kollektion „The Syma Line“, welche die Designerin Layla de Mue zusammen mit dem Creative Technologist Imanol Gomez entworfen hat, Sensoren mit der Umwelt interagieren. Entstanden ist sie während ihrer Zeit als Artist in Residency bei Electrocouture. Inspiriert von Sound-Visualisierung und dem Einfluss von Frequenzen dienen Chladnischen Klangfiguren aus der Kymatik als Ausgangspunkt für das Design, die Linienführungen dieser Figuren fungieren formgebend für die einzelnen Outfits. Das Konzept erstreckt sich über das reine Design hinaus: So enthalten zwei Outfits der Kollektion Soundsensoren, die auf die Umgebungslautstärke mit Lichtimpulsen reagieren, zwei weitere enthalten Smart Textiles, die Berührungen der Kleidung in Töne übersetzen.

Künstlerische Ansätze wie dieser geben einen Einblick in die Möglichkeiten von “smarter” Mode. Das Design Research Lab, das ebenfalls in Berlin ansässig ist, hat beispielsweise in Kooperation mit den Telekom Innovation Laboratories (T-Labs) die “Smart Maintenance Jacket” entwickelt, welche Wartungsarbeiten in industriellen Umgebungen effizienter und sicherer gestaltet. Sie besitzt einige nützliche Eigenschaften, wie eine Navigationsfunktion, die Wahrnehmung verschiedener Gefahrenzonen sowie die automatische Vorwarnung bei Annäherung an Objekte außerhalb des Sichtfeldes. Drei verschiedene Ausgabemodi (visuell, haptisch oder auditiv) binden die Informationen je nach Situation in die intuitive Wahrnehmung der Personen ein.

Die Aufgabe eines Fashion Designers ist es jetzt, quer durch andere ‘Welten’ zu wandern, neue Entdeckungen zu machen und diese in den tragbaren Kontext zu bringen.

Lisa Lang, Elektrocouture

Ebenfalls aus dem Design Research Lab stammt auch der Lorm Glove: Der intelligente Handschuh ermöglicht taubblinden Menschen mehr Unabhängigkeit und soziale Interaktion, indem er textbasierte Nachrichten wie Emails, SMS oder auch Chats in taktile Signale des Lorm-Alphabets übersetzt, das eine gängige Form der Kommunikation von Menschen mit Seh- und Hörbehinderung darstellt. Dieses Beispiel zeigt, wie die Symbiose von Technologie und Fashion auch im Gesundheitswesen Anwendung finden kann.

Fasern aus Milch

Textilien müssen allerdings nicht immer die Technik direkt integriert haben, um smart zu sein: Qmilk ist eine Proteinfaser und ähnelt in ihrem Griff Seide. Dabei ist ihr CO2-Fußabdruck sehr gering, weil Milch als Rohstoff verwendet wird – solche Milch, die nicht zum Verzehr vorgesehen ist, wie zum Beispiel Fehlchargen aus Molkereien oder Milchprodukte aus dem Handel, deren Mindesthaltbarkeit abgelaufen ist.

Ich habe Anke Domaske, die Gründerin von Qmilk gebeten, für Laien verständlich zu erklären, wie aus diesem Rohstoff eine Faser entsteht: „Wenn die Milch sauer wird, dann trennen sich weiße Flocken von der Molke. Das ist das Eiweiß der Milch. Abgeschöpft und getrocknet ist es Eiweißpulver, das in eine Maschine kommt, die wie eine Nudelmaschine funktioniert. Alles wird zum Teig geknetet. Am Ende befindet sich aber eine Düse mit so feinen Löchern, dass keine Nudeln herauskommen, sondern feine Fasern.“

Die Faser ist so haltbar wie Wolle oder Seide und kann über viele Jahre getragen werden. Wird sie jedoch kompostiert, dann baut sie sich ab. Der Clou: Ein Garn aus Qmilk wäre sogar stabil genug, um Kleidungsstücke damit zu vernähen, was heute oft noch mit synthetischen Fäden passiert. Vorausgesetzt, die Textilfarben sind ebenfalls abbaubar, kann ein Kleidungsstück aus Qmilk dann komplett kompostiert werden.

Working Title

Ausgehend von diesem Beispiel wird mir bei meiner Recherche immer bewusster, dass das geläufige Bild der Fashiontech-Branche nur einen Teil der Themen abbildet, die von den Beteiligten tatsächlich besprochen werden. Während Außenstehende oftmals an Sensoren und technische Devices (und, zugegeben, ein bisschen doch auch an das blinkende Kleid) denken, treibt die Branche intern besonders das Streben nach Nachhaltigkeit an, neue Materialien, Produktionsprozesse und Ideen zu entwickeln.

Ein zu hundert Prozent nachhaltiges Kleidungsstück herzustellen dürfte derzeit noch unmöglich sein. Seit den Anfängen der Industrialisierung gewachsene globale Strukturen lassen sich nicht über Nacht ändern. Anstatt jedoch vor der Komplexität der Herausforderung zu kapitulieren suchen sich visionäre Kreative einen Aspekt heraus, den sie konsequent verfolgen.

Beim Label Working Title hat man Plastik als das große Problem unserer Zeit identifiziert und sich entschlossen, komplett auf erdöl-basierte Materialen zu verzichten. Was neue Herausforderungen mit sich bringt: Einlagen, mit denen zum Beispiel Revers oder Hemdkrägen verstärkt werden, enthalten Kleber auf Erdölbasis und sind für die Designer*innen somit keine Alternative mehr. So wirkt sich ihre Haltung nicht nur auf ihre Öko-Bilanz aus, sondern auch auf ihren Design-Prozess, denn neue Lösungen müssen her: Muss da überhaupt ein Kragen hin? Wie sieht ein Kragen aus, wenn wir ihn nicht kleben können?

Working Title

Nachhaltigkeit — eine Frage der Perspektive?

Es reicht jedoch nicht, nur einzelne Glieder der Wertschöpfungskette auf Nachhaltigkeit zu optimieren. Ganzheitlicher geht Ina Budde, Co-Founderin von circular.fashion, das Thema an: „Die Plattform verknüpft alle Akteure der Mode-Lieferkette, von Designern, Materiallieferanten, Modekonsumenten, Sortierern und Recyclern, mit dem Ziel, Textilprodukte komplett kreislauffähig zu machen. Designer können über eine Plattform direkt auf kreislauffähige Design-Guidelines und Materialien zugreifen und diese zu einem kreislauffähigen Produkt kombinieren.“

Eine „circularity.ID“ in Form eines eingenähten QR-Codes teilt nach dem Gebrauch eines Kleidungsstücks mit, wo und wie es zu entsorgen ist, so dass es durch das Recyclen in den Kreislauf zurück geführt werden kann. Das Ziel ist ein Kreislauf, in dem keine Abfälle entstehen und gebrauchte Rohstoffe vollkommen in den Kreislauf zur Wiederverwertung zurück geführt werden können.

Rückkehr zu lokaler Produktion

Eines der größten Probleme im Herstellungsprozess von Bekleidung ist momentan der CO2-Footprint, der durch Transportwege über den ganzen Globus verursacht wird. Während Produktion lange in Niedriglohnländer verlagert wurde, kommt heute zumindest ein Teil wieder zurück.

Seit 2017 betreibt Adidas eine Speedfactory im fränkischen Ansbach, eine hoch-automatisierte Schuhfertigung. Erst die Vereinigung vieler Produktionsschritte an einem Ort und der Einsatz neuer additiver Fertigungstechnologien ermöglicht es, den Produktionsprozess radikal zu beschleunigen und macht den lokalen Einsatz wieder rentabel.

Virtuelle Mode

Noch einen Schritt weiter in Sachen Verringerung des CO2 Abdrucks geht – wenn man so will – Selam X. Das Berliner Kreativ-Kollektiv für die Kult-Marke Vetements eine App entwickelt, die andeutet, wie Mode in Zukunft funktionieren könnte. Wird die App mit dem Smartphone auf bestimmte Kleidungsstücke der Marke gerichtet, werden im Display Logos und animierte Motive auf diesem Kleidungsstück sichtbar und können in den sozialen Netzwerken geteilt werden. Dem Betrachter in der physischen Welt bleiben diese Motive verborgen. Sebastian Zimerhackl ist bei Selam X für Kreativdirektion, Konzept und Strategie zuständig: „Mit AR kannst du die Person werden, die du sein möchtest.“ Unsere physische und virtuelle Persönlichkeit stehen sich gleichwertig  gegenüber und die Übergänge zwischen ihnen verschwimmen zusehends.

Physischer Besitz wird Nebensache. Für Millenials ist das selbstverständlich: Zur Beweisführung soll ein kurzer Abstecher in die Niederlande erlaubt sein. Dort hat das Startup The Fabricant unlängst ein virtuelles Kleid für 9.500 US-Dollar an den CEO eines Blockchain-Unternehmens verkauft.

Blick in die Zukunft

Noch brauchen wir ein Smartphone, unmodische Brillen (erinnern wir uns an das Style-Desaster Google Glasses) oder klobige Headsets für AR- oder VR-Anwendungen. Was jedoch, wenn sich die Technologie in stylischen Brillen unterbringen lässt oder Bilder sogar direkt auf die Netzhaut projizieren lassen? Dann wäre es denkbar, dass unsere Outfits nur noch in der Wahrnehmung unserer Betrachter*in stattfinden, wir selbst tragen nur noch einfache Bodysuits, die als Projektionsfläche dienen. Wir müssten uns morgens nicht auf einen Look festlegen und könnten ihn, je nach Stimmung, beliebig oft wechseln. Facefilter auf Instagram und Snapchat geben uns jetzt schon einen Vorgeschmack — Makeup und Facelifts werden überflüssig, zumindest im virtuellen Raum. Zudem könnten wir unsere Erscheinung personalisieren. Während unser*e Chef*in uns im Business-Look sieht, erscheinen wir unseren Freund*innen im aktuellen Trend-Styling.

Wie alle Industrien wird auch die Modebranche von der Digitalisierung disruptiert. Alle Glieder der Wertschöpfungskette sind betroffen. Nur das physische Produkt wähnte man in Sicherheit. Sollten wir Menschen anfangen zu akzeptieren, dass unser virtueller Zwilling die Repräsentation unserer Persönlichkeit übernimmt, dann würde eine Jahrhunderte alte Industrie obsolet — von der Produktion bis zum Handel. Lediglich das Design würde seine Funktion behalten. Mit ihr würden allerdings auch die negativen Effekte für Mensch, Tier und Umwelt verschwinden. Mal abgesehen von Ressourcenverbrauch für Hardware und Serverbetrieb ist virtuelle Mode vielleicht ihre nachhaltigste Form.

Credits

Text: kreativ_admin_bund

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Anstehende Veranstaltungen

  1. Fiction Forum der Kultur- und Kreativwirtschaft

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  3. Reeperbahnfestival 2019

    18. September - 21. September
  4. Creative Bureaucracy Festival 2019

    20. September - 21. September
  5. Internationale Fachkonferenz 2019

    30. Oktober @ 10:00 - 17:30

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