Keine Innovationsoffensive für die Innenstadt!

Die Sorge um die Innenstädte ist nicht neu. Seit Jahrzehnten erleben wir eine Umsatzverschiebung vom ortsgebundenen Einzelhandel zum online-Handel. Die Innenstädte mit ihren Einkaufsstraßen und Bürogebäuden wirken abends oft ausgestorben und leer. Die Einkaufszentren auf der grünen Wiese konkurrieren mit den Innenstädten um die Kunden und Kundinnen. Die Corona-Pandemie hat die Situation deutlich verschärft. Die Parks sind nun übernutzt, während man in den Innenstädten vielerorts kaum Menschen auf der Straße trifft und jederzeit einen Parkplatz findet. Um der Entwicklung entgegenzuwirken, wird schnell der Ruf nach Innovation groß. Dr. Martina Löw, Professorin für Planungs- und Architektursoziologie am Institut für Soziologie der Technischen Universität Berlin, fragt sich, ob „Innovation“ der richtige Begriff ist für das, was dort gebraucht wird.

In europäischen Städten sind die Innenstädte nach wie vor die Identitätsanker für das Zusammenleben. Hier im Zentrum repräsentiert die Gesellschaft sich mit allem, was ihr wichtig ist: das Rathaus als politische Macht, der Marktplatz als ökonomische Kraft und die Kathedrale als spirituelles Zentrum. Entleert macht nicht nur die Innenstadt, sondern auch überhaupt die Stadt keinen Sinn mehr. So ist es nur mehr als folgerichtig, dass wir eine Landflucht während der Coronakrise beobachten können. Wer kann, der schaltet sich per Videokonferenz vom Landsitz zu. Die Nachfrage nach Wohnmobilen und Ferienhäuser ist so groß wie nie.

Doch so wird es nicht bleiben. Wenn beide Partner berufstätig sind, dann lässt sich das alltägliche Leben, zumal mit Kindern, immer noch am besten in der Stadt organisieren. Die Kindertagesstätten sind zahlreicher, die Kinder mobiler, die Ärzte näher, die Fahrzeiten kontrollierbarer. Im Rentenalter sind es dann Kultureinrichtungen und die medizinische Versorgung, die die Attraktivität von Städten steigert. Die Stadt als dichte, heterogene, immer auch einzigartige Form des Zusammenlebens ist in modernen Gesellschaften unersetzlich. Warum also erlauben wir es, dass Innenstädte vor allem funktional und nicht nach ästhetischen Gesichtspunkten geplant werden? Dass getrennte Zonen für Fußgänger*innen, Fahrradfahrer*innen, Autofahrer*innen, ja sogar für Kinder in Form von eigens ausgewiesenen Spielplätzen, jene dichte Mischung verhindert, die Städte so attraktiv macht? Warum ist die immer notwendig an der Kostenkalkulation ausgerichtete Investitionsarchitektur in den Innenstädten akzeptabel, obwohl die jungen Architekten und Architektinnen an den Universitäten so viel bessere und schönere Entwürfe erarbeiten?

„Wir benötigen eine Innovationsoffensive“ titelt die einschlägige Zeitschrift für Architektur und Städtebau polis[1]. Innovationsoffensive? In der Förderperiode 2014–2020 standen insgesamt 372 Millionen allein in den, mit dem Dekret 522/2014 in der Europäischen Union ins Leben gerufenen, urban innovative actions für innovative Projekte in Städten oder Stadtverbünden mit mehr als 50.000 Einwohnerinnen zur Verfügung. Für die Fördergeber ist ein innovatives Projekt „a project that has never been implemented anywhere else in Europe“ (Urban Innovative Actions o. J., o. S.). Es ist die Fantasie vom ganz Neuen, niemals Erprobten, dem Einmaligen, dem bislang Unvorstellbaren, die den Gedanken der Innovation begleitet.

Den Innenstädten, zumal in Deutschland, fehlt es an Vielem. Brauchen sie eine Innovationsoffensive? (Und jetzt spreche ich noch nicht einmal über jenen Teil des Wortes, der auf das Lateinische offendere zurückgeht – also angreifen, hier mit Innovation einen Feind angreifen.) Nein. Die Konzepte sind alle bekannt: Vielfalt und Spezifizität im Angebot schaffen, ggf. durch Subvention lokaler Unternehmen; online-offline-Hybridstrukturen stärken, Mischungen zwischen Arbeit, Kultur, Handel und Wohnen unterstützen, überhaupt HETEROGENITÄT großschreiben (für Menschen, für Bauten, für Dienstleistungen) und resonanzfähige Räume bauen, die Menschen einladen, in öffentlichen Räumen zu verweilen oder zu flanieren. Lieber die traditionelle Struktur von Mittelmeerstädten inkorporieren (und ich spreche hier nicht von Kopiebauten, sondern über das Verständnis von Raumstrukturen) als Städte ganz neu, derzeit als smart cities, perspektivisch vielleicht als sogenannte „freie Privatstädte“ zu bauen.

Der Anspruch, das einmalig Neue zu erschaffen, ist anmaßend. Aus vielen Gründen: Erstens hilft Respekt vor der guten Praxis, die an anderen Orten etabliert wurde, um Fehler zu vermeiden. Zweitens ist das Neue, insbesondere wenn es im Gewand der Digitalisierung daherkommt, oft schon veraltert, wenn es in Betrieb genommen wird.

Martina Löw

Der Anspruch, das einmalig Neue zu erschaffen, ist anmaßend. Aus vielen Gründen: Erstens hilft Respekt vor der guten Praxis, die an anderen Orten etabliert wurde, um Fehler zu vermeiden. Zweitens ist das Neue, insbesondere wenn es im Gewand der Digitalisierung daherkommt, oft schon veraltert, wenn es in Betrieb genommen wird. In einem Forschungsprojekt im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 1265 „Re-Figuration von Räumen“ haben wir die südkoreanische Stadt Songdo als smart city Neugründung untersucht.[4] Zu Beginn des neuen Jahrtausends wurde Songdo als Modellstadt für zukünftige smart cities weltweit vorgestellt. Was einst vielen international als beispielloses Vorzeigeprojekt des digitalen Zeitalters erschien[5], kann heute kaum mehr als Vorläufer einer besser optimierten Lebenswelt bezeichnet werden. Songdo ist heute, gut fünfzehn Jahre nach Baubeginn, in vielerlei Hinsicht einfach eine Satellitenstadt unter vielen im Großraum Seoul. „Selbst wenn es möglich gewesen wäre, eine moderne Utopie über Nacht entstehen zu lassen, blieben Zweifel, ob die Lebensqualität ausreichend beschaffen war, um Menschen dazu zu bewegen, alternative Standorte wie Shanghai, Hongkong, Tokio oder Seoul zu verlassen, um sich dort anzusiedeln“, schreibt Arthur Segel[6] zu Recht. In Songdo implementierte man mit Sensoren zur Verkehrsmessung oder Bildschirmen zur häuslichen Kommunikation Technologien, die rasch im ganzen Land Verbreitung fanden[7]. Zügig wurde offensichtlich, dass Technologien schneller veralten als Wohngebiete geplant werden. Abgesehen von den wenigen Stadtneugründungen gilt drittens, dass eine identische Reproduktion einer Technik, einer Struktur, einer kulturellen Intervention, die als best practice aus anderen Städten übernommen wird, aufgrund der Eigenlogik jeder Stadt ausgeschlossen ist, so dass Neues durch Variationen im Gefüge entsteht.

Wie viel wäre für die Innenstädte gewonnen, wenn nicht eine wie die andere Stadt Innovation anstreben und bei den gleichen Filialisten landen würde. Manchmal reicht es, eine Unterführung großflächig mit dem Schriftzug YES zu bemalen, um aus eine vernachlässigten Unterführung den begehrtesten Ort für Heiratsanträge zu machen.[8] Eine Unterführung eignet sich möglicherweise nur in New York (oder Städten vergleichbar zu New York) als romantischer Ort. Doch positive Botschaften, Kunst und Orte, an denen Menschen sich gerne versammeln (z.B. für Heiratsanträge im öffentlichen Raum), benötigen alle Städte, vor allen in den Innenstädten. Routine ist die Stillstellung von Transformationsmöglichkeiten.[9] Die Routinen, die sich in Städten einschleichen und zu doxischen Gewissheiten führen (d.h. die Eigenlogiken der Städte[10]) hemmen vielerorts Erneuerung. Sie gilt es daher stets kritisch zu hinterfragen. Gleichzeitig kann sich keine gewachsene Stadt neu erfinden und sie muss einen Weg suchen, die Innenstädte aufzuwerten, der zu dieser Stadt passt. Das ist kein einmaliger Pfad, aber ein Prozess, der daran angepasst sein sollte, wie diese Stadt tickt. Das Gute daran für alle wäre: Wenn Eigenlogiken berücksichtigt würden, dann würden sich auch die Städte in ihren Zentren wieder unterscheiden und der Besuch von Innenstädten sich wieder lohnen. Deshalb, bitte, erfindet die Innenstädte nicht neu, sondern sucht nach ortsspezifischen Lösungen, die das Wissen, das Menschen über Tausende von Jahren zu Städtebau und städtischer Praxis gesammelt haben, aufgreifen. Um die Innenstädte sollten wir uns Sorgen machen, aber die Strategien sollten wir in der Gewissheit suchen, dass wir die Lösungen schon kennen.

Wenn Eigenlogiken [von Städten] berücksichtigt würden, dann würden sich auch die Städte in ihren Zentren wieder unterscheiden und der Besuch von Innenstädten sich wieder lohnen.

Martina Löw

Moderne Gesellschaften basieren mit ihrer Orientierung am Konzept „Fortschritt“ auf der Idee, dass Innovation der Motor ist, der die Gesellschaft vorantreibt. Offensichtlich wird dies bei der Entwicklung von Techniken, Materialien und Verfahren, denen sich zahlreiche Labore und Unternehmen widmen. Aber Innovation ist längst aus der Nische der Technologieentwicklung und Ökonomie herausgerückt. Heute wird Innovation überall und jederzeit erwartet. Dabei reicht es nicht, nach Wegen zu suchen, die andere auch schon erfolgreich beschritten sind. Wenn der Ruf nach Innovation laut wird, dann wird das Unentdeckte gesucht. Aufgrund der umfassenden Bedeutung, die moderne Gesellschaften Innovation bemessen (überall, jederzeit und jeder Art), muss man wohl von der modernen Gesellschaft als Innovationsgesellschaft[2] sprechen. Wichtig ist hierbei, dass das Innovative sozial hergestellt wird – unabhängig davon ob ein Ingenieur, eine Künstlerin oder eine Stadtverwaltung nach ihr strebt. Innovationen sind Prozesse der sozialen Herstellung des Neuen[3]. Jede Innovation geht mit einer kreativen Anstrengung einher. Sowohl die Erwartung als auch die Praxis des Herstellens sind soziale Prozesse.

 


Quellen:

[1] MetaPolis, 01/2021, Urban offline Forum 2021. Titel für das Gespräch mit Harald F. Ross, S. 30

[2] Werner Rammert, Arnold Windeler, Hubert Knoblauch, Michael Hutter (Hrsg.): Innovationsgesellschaft heute. Perspektiven, Felder und Fälle. Wiesbaden: Springer VS 2016

[3] Windeler, Arnold; Knoblauch, Hubert; Löw, Martina; Meyer, Uli: Innovationsgesellschaft und Innovationsfelder. IN: Jannis Hergesell, Arne Maibaum, Celia Minnetian, Ariane Sept (Hg.): Innovationsphänomene – Modi und Effekte der Innovationsgesellschaft. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2018, S. 17–38.

[4] Bartmanski, Dominik; Kim, Seonju; Löw, Martina; Pape, Timothy; Stollmann, Jörg: Die Refiguration von Räumen durch smarte Apartmentkomplexe. Über Praktiken der Verräumlichung der südkoreanischen Mittelschicht. In: M. Löw, V. Saymann, J. Schwerer, H. Wolf (Hg.), Am Ende der Globalisierung. Über die Refiguration von Räumen. Bielefeld: transcript 2021, S. 205-230

[5] Siehe als ein Beispiel unter vielen das Faktenblatt (180/2008) der Zeitschrift Bauwelt: „Songdo, auch das ist neu, wird eine U-City sein (von ubiquitous = allgegenwärtig), denn hier werden alle nur möglichen Informationssysteme (private, medizinische, geschäftliche und mehr) miteinander vernetzt, es wird kein Privathaus, kein Büro, kein Geschäft und keine Straße ohne Netzanschlüsse geben. Weil die Stadt Songdo vollkommen neu entsteht, ist Raum für alle möglichen technologischen Visionen. Hier gibt es keine Rücksicht auf Bestehendes, und Maßnahmen zur Nachrüstung sind nicht erforderlich.“ (Bauwelt 2008: 48) Bauwelt. 180/2008. Faktenblatt: Songdo Business District, Incheon. Stadt Bauwelt Large Scale Urbanism, Jg. 48, Nr. 8, S. 46–49.

[6] Segel, Arthur (2006): New Songdo City. Cambridge: Harvard Business School, hier S. 1

[7] Bereits 1992 wurde die Videoüberwachung bei Apartmentkomplexen mit mehr als 30 Stellflächen in der Tiefgarage oder auf dem Parkplatz gesetzlich verfügt. Im Jahr 2011 wurde die CCTV-Verordnung auf sämtliche gemeinschaftlich genutzten Bereiche in jedem Neubaukomplex ausgedehnt (주택건설기준 등에 관한 규칙 2011).

[8] Sagmeister & Walsh, YES!, Unterführung Brooklyn-Queens Expressway

[9] Oevermann, Ulrich. 1999. Strukturale Soziologie und Rekonstruktionsmethodologie. In Ansichten der Gesellschaft. Frankfurter Beiträge aus Soziologie und Politikwissenschaft. Gegenwartskunde – Sonderheft, Hrsg. Wolfgang Glatzer, Bd. 11, 72–84. Opladen: Leske + Budrich. Hier S. 84.

[10] Löw, Martina: Soziologie der Städte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2008

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Innovation, ein zentraler Begriff, an dem kein Vorbeikommen ist. In unserer fortlaufenden Reihe wagen Expert*innen aus Wissenschaft und Wirtschaft eine Einschätzung zum. Hier finden Sie den Auftaktartikel von Prof. Dr. Martin Zierold, Leiter des Instituts für Kultur- und Medienmanagement der Hochschule für Musik und Theater Hamburg „Innovation braucht Innovation“.

Artikel 2: „Auf der Suche nach Nachhaltigkeit“ von Annett Baumast, Gründerin und Geschäftsführerin von baumast. kultur & nachhaltigkeit
Artikel 4:Getrieben von der sozialen Innovation‚ heißt es bei Jana Gioia Baurmann, Kommunikationsmanagerin Ashoka-Netzwerk. 

Credits

Text: Martina Löw

Fotos: Maria Selmansberger (Illustration)

Anstehende Veranstaltungen

  1. Learning Journey #23 – Purpose Economy: Wie vereinen Gründer*innen in der Kultur- und Kreativwirtschaft ökonomische, soziale und ökologische Werte ?

    30. November, 18:00 - 19:30
  2. Auf ins Metaverse?

    6. Dezember, 15:00 - 18:00
  3. Finale: Hightech & Herz

    19. Dezember, 17:00 - 20:00

Credits

Text: Martina Löw

Fotos: Maria Selmansberger (Illustration)